Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte
Wasserqualität der Rems: was wir wissen und was wir messen müssen
Wer auf einer Flusswelle stürzt, taucht unter und schluckt Wasser. Deshalb ist die Wasserqualität für eine Surfwelle keine Nebenfrage, sondern die erste: An ihr ist 2019 die Neckarwelle in Stuttgart gescheitert. Dieser Artikel trägt zusammen, was über die Rems öffentlich bekannt ist, was das für Winterbach bedeutet und wie der Nachweis aussehen muss, den eine Genehmigung verlangt. Er sagt auch, was wir nicht wissen. → Fragen und Einwände
Zwei verschiedene Fragen
„Ist der Fluss sauber?“ meint zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben müssen. Die Gewässerökologie fragt, ob Fische, Kleintiere und Pflanzen einen guten Lebensraum haben; sie wird nach der Wasserrahmenrichtlinie bewertet, und für sie sind Gewässerstruktur, Durchgängigkeit und Nährstoffe entscheidend. Die Hygiene fragt, ob ein Mensch beim Untertauchen krank werden kann; sie wird an Keimen gemessen, vor allem an Escherichia coli und intestinalen Enterokokken, den Leitwerten der EU-Badegewässerrichtlinie. Ein Fluss kann ökologisch mäßig und hygienisch unbedenklich sein – oder umgekehrt. Für eine Surfwelle zählt die zweite Frage; die erste gehört ins Genehmigungsverfahren. → Ökologie und Genehmigung
Der Zustand nach Wasserrahmenrichtlinie
Die Rems ist ein Gewässer erster Ordnung, zuständig ist das Regierungspräsidium Stuttgart. Für die Bewirtschaftungsplanung ist sie in zwei Wasserkörper geteilt: „Rems bis einschließlich Walkersbach“ oberhalb und „Rems unterhalb Walkersbach“ – dazu gehört der Abschnitt Schorndorf, Winterbach, Remshalden. Die Begleitdokumentation des Regierungspräsidiums zum Bewirtschaftungszeitraum 2022 bis 2027 bewertet diesen Wasserkörper so: Der ökologische Zustand ist „unbefriedigend“, der chemische Zustand „nicht gut“. Das klingt schlechter, als es für die Frage der Welle ist – und es lohnt sich, die Bewertung aufzuschlüsseln.
Die Saprobie, das Maß für die Belastung mit abbaubaren organischen Stoffen und damit der klassische Indikator für Abwasser, ist im Abschnitt Winterbach mit „gut“ bewertet, ebenso die allgemeine Degradation der Kleintierfauna. Nach unten gezogen wird die Gesamtnote von der Fischfauna und von der Gewässerstruktur: Durchgängigkeit, Morphologie und Wasserhaushalt sind „nicht eingehalten“, die Dokumentation nennt Ausleitungen durch Wasserkraft an Rems und Wieslauf. Der chemische Zustand ist landesweit an fast allen Flüssen „nicht gut“, weil überall Quecksilber und bromierte Flammschutzmittel gemessen werden; für die Rems kommen das Insektizid Imidacloprid und PFOS hinzu. Für das Surfen sind diese Stoffe in den gemessenen Spuren nicht die relevante Größe – für den Fluss als Lebensraum sind sie es. Die Maßnahmen, die das Regierungspräsidium für die Rems vorsieht, zielen auf die Struktur: Renaturierung, Durchgängigkeit, Verbesserung der Phosphatfällung in den Kläranlagen. Ein Beispiel liegt vor der Haustür: Zwischen Winterbach und Remshalden hat das Land ab 2018 auf 1,1 Kilometern die Rems bis zu 100 Meter breit renaturiert, damals die größte laufende Renaturierung im Regierungsbezirk Stuttgart.
Was oberhalb von Winterbach einleitet
Keime kommen aus Kläranlagen, aus Regenüberläufen der Kanalisation bei Starkregen und von landwirtschaftlichen Flächen. Oberhalb der geplanten Wellenstelle leiten nach der Begleitdokumentation des Regierungspräsidiums unter anderem die Kläranlagen Schwäbisch Gmünd, Lorch, Urbach/Plüderhausen (Sammelkläranlage Hungerbühl), Schorndorf (Weiler) und Rudersberg (über die Wieslauf) in die Rems ein. Die Sammelkläranlage Winterbach liegt flussabwärts des Wehrs und spielt für die Wellenstelle keine Rolle; die nächste Einleitung oberhalb ist die Kläranlage Schorndorf-Weiler. Die Kläranlage Zollerwiesen in Schwäbisch Gmünd ist mit 135.000 Einwohnerwerten die größte im Remstal; eine vierte Reinigungsstufe gegen Spurenstoffe ist dort bis 2035 geplant, in Lorch wird die Anlage für 20 Millionen Euro neu gebaut. Keine Kläranlage im Remstal steht heute auf der Landesliste der Anlagen mit Spurenstoffelimination. Für die Hygiene entscheidender als die vierte Stufe ist die Regenwasserbehandlung: Bei Starkregen entlasten Mischwasserkanäle ungeklärt in den Fluss, und genau das erzeugte im Neckar die Keimspitzen. Für die Rems nennt das Regierungspräsidium noch laufende Verfahren zur Ermittlung von Maßnahmen an Regenwasseranlagen – konkrete Angaben liegen nicht vor.
Was gemessen wird – und was nicht
Für die Rems gibt es keine öffentlich zugänglichen Messreihen zu E. coli und Enterokokken. Sie ist nirgends als Badegewässer ausgewiesen; im Rems-Murr-Kreis werden sechs Badeseen überwacht, kein Fluss. Das ist kein Befund über die Wasserqualität, sondern über die Datenlage: Was niemand misst, kann niemand bewerten. Das Gesundheitsamt des Rems-Murr-Kreises rät vom Baden in der Rems ab, wegen gefährlicher Strömungen und der Wasserqualität; Kajak und Rudern hält es für unproblematisch (Stand 2024). Im August 2026 riet das Landratsamt Rems-Murr-Kreis zudem bei Niedrigwasser vom Baden in Rems und Murr ab – vor allem zum Schutz der Gewässerökologie, aber auch, weil Niedrigwasser „für den Menschen hygienisch bedenklich“ sein könne.
Zum Vergleich die Maßstäbe der EU-Badegewässerrichtlinie für Binnengewässer, in koloniebildenden Einheiten je 100 Milliliter: Intestinale Enterokokken höchstens 200 für „ausgezeichnet“ und 400 für „gut“, E. coli höchstens 500 beziehungsweise 1.000, jeweils als 95-Perzentil einer Messreihe; „ausreichend“ sind 330 beziehungsweise 900 als 90-Perzentil. Verlangt werden mindestens vier Proben je Badesaison im Abstand von höchstens einem Monat. Diese Werte sind die Messlatte, an der die Neckarwelle scheiterte, und sie sind der naheliegende Maßstab für jede Surfwelle.
Die Lehre aus Stuttgart
Die Neckarwelle in Untertürkheim hatte Machbarkeitsstudie, Verein und Unterstützung im Bezirksbeirat. Das Landesgesundheitsamt nahm von Juli bis Oktober 2018 achtzehn Proben aus dem Neckar: E. coli lag im Mittel beim Doppelten des Badegewässer-Höchstwerts, in zwei Proben beim Zwanzigfachen; der Enterokokken-Höchstwert wurde fast ständig erreicht, mit Spitzen beim Zehnfachen; in drei von vier untersuchten Proben fanden sich Noroviren. Die Spitzen traten nach starkem Regen auf, wenn Kläranlagen und Regenüberlaufbecken einleiteten – der Neckar ist Vorfluter für rund 600 Kläranlagen, und bei Niedrigwasser besteht er unterhalb des Stuttgarter Hauptklärwerks zu bis zu 37 Prozent aus gereinigtem Abwasser. Im März 2019 erklärte die Stadt das Projekt für nicht genehmigungsfähig: Die mikrobielle Belastung sei so stark, dass beim Untertauchen Krankheitserreger aufgenommen werden könnten; damit lägen die Voraussetzungen für die wasserrechtliche Genehmigung nicht vor. Der Einwand des Vereins, die Spitzen träten nur an zwei bis drei Tagen nach Niederschlag auf und an solchen Tagen werde nicht gesurft, und ein Rechtsgutachten, wonach Hinweisschilder genügten, änderten daran nichts. Die Stadt nannte die Gesundheitsgefährdung ein K.-o.-Kriterium.
Was die Remswelle daraus lernen kann: Erstens misst die Behörde, nicht der Verein – und sie misst über eine ganze Saison, mit Regentagen. Zweitens zählt nicht der Mittelwert, sondern das Perzentil: Wenige hohe Spitzen entscheiden. Drittens hilft das Argument „dann surfen wir eben nicht“ nur, wenn es Teil eines belastbaren Betriebskonzepts ist, das die Behörde mitträgt. Und viertens ist die Rems nicht der Neckar: ein kleiner Fluss mit einem Bruchteil der Kläranlagen im Einzugsgebiet, ohne Großstadt oberhalb. Das ist ein Grund für Zuversicht, aber kein Ersatz für Messwerte.
Wie andere Wellen damit umgehen
Keine deutsche Flusswelle liegt in einem ausgewiesenen Badegewässer. Der Nürnberger Verein schreibt, die Pegnitz sei kein Badegewässer und könne Keime, Bakterien, Viren und Parasiten enthalten, die Nutzung erfolge auf eigene Gefahr; die Stadt Nürnberg erhebt Daten, nach Angaben des Vereins werden die Grenzwerte für E. coli und Enterokokken eingehalten, und bei Anzeichen für Belastung – nach Starkregen, bei Kanalüberlastung – wird nicht gesurft. In Hannover heißt es, die Leine entspreche nicht den Anforderungen an ein Badegewässer, das Surfen erfolge auf eigenes Risiko; die wasserrechtliche Erlaubnis der Region Hannover hielt vor dem Verwaltungsgericht stand. Das Modell ist überall dasselbe: messen, informieren, an belasteten Tagen den Betrieb einstellen. Es setzt voraus, dass die Regelwerte an normalen Tagen eingehalten werden – und das ist der Nachweis, den Winterbach führen muss. → Träger und Betrieb
Was das für die Remswelle heißt
Uns ist bewusst, dass die Wasserqualität ein entscheidender Faktor ist – für die Genehmigung und für jeden, der später auf der Welle steht. Wir werden die entsprechenden Nachweise führen. Der Weg dafür ist an den anderen Wellen vorgezeichnet: Messungen an der Wellenstelle nach dem Muster der Badegewässerrichtlinie – E. coli und intestinale Enterokokken, mehrere Proben über eine Saison, auch nach Regen und bei Niedrigwasser –, abgestimmt mit dem Gesundheitsamt, dazu ein Blick auf die Einleitungen oberhalb, vor allem auf die Regenüberläufe zwischen Schorndorf-Weiler und Winterbach. Was wir heute sagen können: Die Rems ist ein kleiner Fluss ohne Großstadt oberhalb, ihre organische Belastung bei Winterbach ist nach Wasserrahmenrichtlinie „gut“, und die nächste Kläranlage oberhalb liegt in Schorndorf-Weiler. Was wir nicht sagen können, sind Zahlen – und die behaupten wir auch nicht. → Projektstand
Häufige Fragen
Ist die Rems sauber genug zum Surfen?
Das weiß heute niemand in Zahlen. Nach Wasserrahmenrichtlinie ist die organische Belastung der Rems bei Winterbach „gut“, aber Keimmessungen gibt es nicht, und die Rems ist kein ausgewiesenes Badegewässer. Uns ist bewusst, dass das ein entscheidender Faktor ist; die Nachweise nach dem Muster der Badegewässerrichtlinie werden geführt.
Warum ist die Neckarwelle an der Wasserqualität gescheitert?
Weil das Landesgesundheitsamt 2018 in 18 Proben E. coli im Mittel beim Doppelten und in Spitzen beim Zwanzigfachen des Badegewässer-Höchstwerts fand, dazu Noroviren. Die Stadt Stuttgart stufte die Gesundheitsgefährdung beim Untertauchen 2019 als K.-o.-Kriterium ein.
Was sagt der ökologische Zustand „unbefriedigend“ über die Keimbelastung?
Nichts. Die Bewertung nach Wasserrahmenrichtlinie misst Lebensraumqualität – Fische, Kleintiere, Struktur, Nährstoffe –, nicht die hygienische Eignung für Menschen. Dafür sind E. coli und Enterokokken die Maßstäbe.
Kann man in der Rems baden?
Die Rems ist kein ausgewiesenes Badegewässer; im Rems-Murr-Kreis werden nur sechs Badeseen überwacht. Das Gesundheitsamt rät wegen Strömung und Wasserqualität vom Baden in der Rems ab. Ein ausdrückliches Badeverbot haben wir nicht gefunden.
Wer misst die Wasserqualität für eine Surfwelle?
In Stuttgart hat das Landesgesundheitsamt gemessen und das städtische Gesundheitsamt bewertet; in Nürnberg erhebt die Stadt die Daten. Für Winterbach ist das Gesundheitsamt des Rems-Murr-Kreises der Ansprechpartner.
Quellen: Zeitungsverlag Waiblingen, „Die Rems: zum Baden nicht geeignet …“, 24.08.2024 · Stuttgarter Zeitung, 21.06.2024 (Badegewässer im Kreis) · Regierungspräsidium Stuttgart, Begleitdokumentation Teilbearbeitungsgebiet 42 „Neckar unterhalb Fils bis oberhalb Enz“, Stand Dezember 2021 · Umweltministerium Baden-Württemberg, Bewirtschaftungsplan 2021 Rhein (Anhang Wasserkörper-Tabellen); „Kläranlagen mit Spurenstoffelimination“, Stand 22.06.2026 · Stadt Schorndorf, „Gewässer, Hochwasserschutz, Starkregen“ · Regierungspräsidium Stuttgart, Pressemitteilung „Renaturierung der Rems bei Winterbach“, 08.02.2018 · Gmünder Tagespost, 26.12.2024 (Kläranlage Zollerwiesen) · Tim Bückner MdL, Besichtigung Kläranlage Lorch, 29.10.2025 · Zeitungsverlag Waiblingen, 18.04.2022 (Sammelkläranlage Hungerbühl) und 11.08.2026 (Niedrigwasser-Appell) · Landratsamt Rems-Murr-Kreis, „Niedrigwasser belastet Fließgewässer“, August 2026 · Stuttgarter Zeitung, 21.06.2024 (Badeseen im Rems-Murr-Kreis) · Richtlinie 2006/7/EG (Badegewässerrichtlinie), Anhang I und IV · Stuttgarter Zeitung, „Zu viele Keime: Aus für die Neckarwelle“, März 2019; „Politik fordert sauberen Neckar“, 2019 · Stuttgarter Nachrichten, „Norovirus, E. coli, Salmonellen“, 2019; „Die Surfer wollen zur Not klagen“, 2019; „Neckar besteht aus bis zu 37 Prozent Abwasser“ · Landeshauptstadt Stuttgart, Stellungnahme im Bürgerhaushalt, 09.04.2019 · kessel.tv, 28.03.2019 · Nürnberger Dauerwelle e.V., „FAQ“ · nordbayern.de, 19.07.2024 und 24.07.2024 · Leinewelle e.V., „FAQ“ · Verwaltungsgericht Hannover, Pressemitteilung 12.01.2021
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle