Remswelle

Flusswellen · bauen, betreiben, surfen

So entsteht eine stehende Welle im Fluss

Eine Meereswelle wandert. Eine Flusswelle bleibt, wo sie ist – das Wasser rauscht hindurch, die Form steht. Wer darauf surft, bewegt sich nicht vom Fleck und kann die Welle so lange fahren, wie die Beine tragen. Dieser Text erklärt, warum das Wasser das tut, welche Zahl darüber entscheidet und was das für einen kleinen Fluss wie die Rems bedeutet.

Schnelles Wasser trifft langsames Wasser

Fließt Wasser über eine Stufe oder eine Rampe, wird es schnell und flach. Unterhalb staut sich das Flusswasser, das langsam und tief ist. Wo das schnelle, flache Wasser auf das langsame, tiefe trifft, kann es nicht einfach weiterfließen: Es muss abrupt abbremsen und an Höhe gewinnen. Das tut es in einem Wasserwall, der auf der Stelle bricht. Wasserbauer nennen das einen hydraulischen Sprung oder Wechselsprung. Jede stehende Welle, vom Eisbach bis zur Fuchslochwelle, ist ein solcher Sprung – mehr oder weniger sauber geformt.

Die Froude-Zahl

Ob ein Sprung entsteht und wie er aussieht, hängt von einer einzigen Kennzahl ab: der Froude-Zahl. Sie setzt die Fließgeschwindigkeit ins Verhältnis zu der Geschwindigkeit, mit der sich eine kleine Störung auf der Wasseroberfläche ausbreiten kann – und die hängt von der Wassertiefe ab.

Fr = v / √(g · h) (v Fließgeschwindigkeit, h Wassertiefe, g Erdbeschleunigung)

Ist Fr kleiner als 1, fließt das Wasser „strömend“: ruhig, tief, wie ein Fluss im Flachland. Ist Fr größer als 1, fließt es „schießend“: schnell, flach, wie am Fuß eines Wehrs. Ein hydraulischer Sprung ist der Übergang von schießend zu strömend. Die Wasserbau-Literatur unterscheidet nach der Froude-Zahl vor dem Sprung:

Froude-ZahlBezeichnungErscheinung
1,0–1,7gewellter Sprungglatte, stehende Wellen ohne Brechen
1,7–2,5schwacher Sprungkleine Walze an der Oberfläche, Wasser dahinter glatt
2,5–4,5oszillierender Sprungpulsierender Strahl, unregelmäßige Wellen
4,5–9stabiler Sprungkräftige, ortsfeste Walze
> 9starker Sprungrau, viel Luft, große Energieumwandlung

(Einteilung nach Ven Te Chow, Open-Channel Hydraulics, 1959, und U.S. Bureau of Reclamation.)

Surfbar ist nur ein schmales Fenster. Zu niedrige Froude-Zahlen ergeben glatte Wellen ohne Schub; zu hohe eine Walze, die einen Surfer festhält statt trägt. Welcher Bereich für eine Surfwelle passt, hängt von Bauform, Tiefe und gewünschter Wellenhöhe ab; als Erfahrungswert wird für eine kräftige, brechende Surfwelle eine Froude-Zahl von etwa 2,3 und mehr genannt.

Vier Größen, ein Gleichgewicht

Forschung der Universität Innsbruck (Arbeitsbereich Wasserbau, Prof. Markus Aufleger, in Zusammenarbeit mit dem Wellenbauer Dreamwave) beschreibt, was eine gute Surfwelle ausmacht: eine Höhe zwischen etwa 50 und 150 Zentimetern, nicht zu flach und nicht zu steil, eine gleichmäßig glatte Oberfläche und genug Breite. Und sie beschreibt die Schwierigkeit: Der Abfluss muss sehr genau zum Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterwasser passen. Ändert sich eine der beiden Größen, kippt die Welle – sie wird flach, oder sie wird zur gefährlichen Rückströmung.

Die vier Stellschrauben sind also:

  • Abfluss – wie viel Wasser pro Sekunde kommt (in einem natürlichen Fluss schwankt das täglich),
  • Gefälle – der Höhenunterschied, den das Wasser am Wehr oder an der Rampe verliert,
  • Breite – je schmaler der Durchlass, desto schneller das Wasser,
  • Unterwasser – wie tief das Wasser unterhalb staut, denn das bestimmt, wo der Sprung steht.

Natürliche Wellen wie am Eisbach oder in Thun funktionieren, weil diese Größen zufällig zusammenpassen – und sie verschwinden, wenn der Pegel zu weit steigt oder fällt. Gebaute Wellen ersetzen den Zufall durch Technik.

Wie man nachhilft

Anstauen. Ein Wehr hebt das Oberwasser. Je größer der Höhenunterschied zum Unterwasser, desto schneller das Wasser am Fuß – und desto höher die Froude-Zahl. Auch eine Verengung staut: Wird der Fluss enger, als er für seinen Abfluss braucht, steigt das Wasser oberhalb an – die Beschleunigung kommt immer aus einem Höhenunterschied.

Verengen. Wird der Durchlass schmaler, muss dieselbe Wassermenge schneller hindurch. Kanalwellen wie in München und Salzburg leben davon.

Rampen und Verstellbarkeit. Eine Rampe formt den Strahl, und eine verstellbare Rampe passt die Form dem Abfluss an. Die Fuchslochwelle in Nürnberg arbeitet mit einer verstellbaren Rampentechnik in Modulen (bis 8 Meter Breite), die Leinewelle in Hannover mit einem hydraulisch gesteuerten System. Beide laufen ohne Pumpen, allein mit der Energie des Flusses – und beide lassen sich bei Hochwasser ganz aus dem Wasser nehmen.

Und an der Rems?

Die Rems fließt bei Winterbach an den allermeisten Tagen strömend, mit einer Froude-Zahl weit unter 1 – grob geschätzt um 0,2. Für eine Welle muss also nachgeholfen werden – mit Anstau, Verengung oder einer Rampe. Das Durchlassbauwerk des Hochwasserrückhaltebeckens (vor Ort „Remswehr“) verengt den Fluss und kann ihn aufstauen; bei normalem Wasserstand fließt die Rems aber eben hindurch. Inwiefern sich daraus Gefälle für eine Welle gewinnen lässt, klärt die Machbarkeitsprüfung. Je nach Variante liefe die Welle dann direkt am Bauwerk oder an den Trittsteinen. Welche Kombination aus Abfluss, Gefälle und Breite an wie vielen Tagen im Jahr eine surfbare Welle ergibt, ist die Kernfrage der laufenden Machbarkeitsprüfung. → Standort

Häufige Fragen

Warum bleibt eine Flusswelle an Ort und Stelle?

Weil sie kein wanderndes Wasserpaket ist, sondern ein hydraulischer Sprung: Schnelles, flaches Wasser trifft auf langsameres, tieferes Wasser und muss abrupt an Höhe gewinnen. Das Wasser fließt hindurch, die Form bleibt stehen, solange Abfluss und Gefälle gleich bleiben.

Was ist die Froude-Zahl und warum ist sie wichtig?

Sie beschreibt das Verhältnis von Fließgeschwindigkeit zu Wassertiefe. Liegt sie über 1, ist das Wasser „schießend“, und beim Übergang in „strömendes“ Wasser entsteht der Sprung. Knapp über 1 bleibt die Welle glatt und ohne Schub, bei hohen Werten wird sie zur Walze; surfbar ist nur ein schmales Fenster dazwischen, das von Bauform und Wassertiefe abhängt.

Kann man an jedem Wehr eine Welle bauen?

Nein. Es braucht genug Abfluss, ein ausreichendes Gefälle am Absturz und ein Unterwasser mit passender Tiefe. Ob ein Standort das hergibt, zeigt erst eine hydraulische Berechnung oder ein Modellversuch – deshalb steht am Anfang jedes Projekts die Machbarkeitsstudie.

Wie viel Wasser braucht eine surfbare Welle?

Das hängt von Breite und Fallhöhe ab. Die Almkanalwelle in Salzburg läuft mit rund 5 m³/s auf 4,5 Metern Breite; Nürnberg nennt Werte zwischen 4,5 und 10 m³/s für 8 Meter; Thun braucht über 100 m³/s, weil die Welle ohne Bauwerk in einem großen Fluss entsteht.

Weiterlesen

Quellen: Ven Te Chow, Open-Channel Hydraulics, McGraw-Hill 1959 · Universität Innsbruck, „Die perfekte Welle“, 2015 (uibk.ac.at) · Nürnberger Dauerwelle e.V., FAQ (nuernberger-dauerwelle.de) · Leinewelle e.V. (enercity-leinewelle.de) · Dreamwave International (dreamwave-international.com)

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle