Remswelle

Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte

Als die Rems Brennholz transportierte

Zwischen 1715 und 1862 war die Rems ein Transportweg. Kein Schiff fuhr auf ihr und kein gebundenes Floß wie auf dem Neckar – dafür ist der Fluss zu klein. Stattdessen warf man Brennholz in Scheiten lose ins Wasser und ließ es mit der Strömung treiben: die Trift oder Scheiterflößerei. Das Holz kam aus den Wäldern des Schurwalds und des Welzheimer Walds und sollte die Öfen der Residenzen Ludwigsburg und Stuttgart heizen. Sein Weg führte mitten durch Winterbach. Dies ist Kapitel 1 unserer Spurensuche → Die vergessene Welle von Winterbach.

Ein Gesetz von 1627 – und ein Fluss voller Hindernisse

Schon die württembergische Müllerordnung von 1627 zählt die Rems zu den Flüssen, deren Mühlwehre „Flotz-Gassen" zum Durchlassen von Holz haben. Der Wortlaut ist bemerkenswert: Durchzulassen war „Zimmer-Geschnitten oder Scheitter-Holtz" – also ausdrücklich auch Bauholz, nicht nur kurze Scheite. Die Wehrbesitzer mussten ihre Schützbretter ziehen und das Holz „ohnverhindert durchlassen", bei zehn Gulden Strafe. Im Jahr darauf wurde wohl versuchsweise von Schorndorf bis Waiblingen geflößt; dann kam der Dreißigjährige Krieg. Von der Winterbacher Floßgasse ist 1660 erstmals die Rede – lange bevor der regelmäßige Betrieb begann. → Das Rätsel der Floßgasse

Richtig los ging es 1715: Für die Brennholzversorgung der neuen Residenz Ludwigsburg ließ die herzogliche Rentkammer Wälder und Fluss untersuchen. Der Bericht zählt die Hindernisse auf – Gesträuch im Fluss „allüberall" und ausdrücklich „Untiefen bei Winterbach". Am Montag, dem 23. September 1715, begann die erste Trift; am Freitag derselben Woche traf das letzte Holz am Rechen in Neckarrems ein. Reibungslos war das nicht: An einer Mühle bei Beinstein ging das Holz über das Wehr und beschädigte es.

Wie die Trift funktionierte

Das Amtsgrundbuch der Stuttgarter Holzverwaltung von 1830 beschreibt den Ablauf genau. Das Holz rutschte über hölzerne „Riesen" von den Höhen ins Tal und wurde an den Floßplätzen eingeworfen – für das Holz aus dem Schorndorfer Forst „in der Regel in der Gegend von Schorndorf und Winterbach", das Holz aus dem Lorcher Forst kam über Wieslauf und Walkersbach dazu. Die beste Zeit war das Frühjahr: viel Wasser, noch keine Gewitterfluten.

Die Zahlen lassen die Dimension ahnen: Rund 3000 Klafter Holz je Trift, der Einwurf dauerte drei bis vier Tage, und je nach Wasserstand brauchten die Scheite 24 bis 48 Stunden bis zu den Holzgärten in Waiblingen und Neckarrems. Dort hielten eigens eingebaute Rechen das Holz auf; mit Spießen und Haken wurde es herausgezogen und aufgesetzt. Die Oberamtsbeschreibung von 1851 nennt für die späte Zeit „gegen 1500 Klafter Buchenholz und mindestens gleichviel Tannenholz" jährlich. Vom Waiblinger Holzgarten ging das Holz an Handwerker und auf der Straße nach Stuttgart, von Neckarrems per Schiff weiter nach Berg.

Schema der Trift auf der Rems
Schema der Trift auf der Rems: Aus dem Schwellweiher wird Wasser abgelassen, der Schwall trägt das eingeworfene Scheiterholz über Wieslauf und Rems, durch Floßgassen an den Mühlwehren, bis ein Rechen es auffängt.

Die Männer im Wasser

Die Trift war harte, gefährliche Arbeit. Die Listen von 1826 nennen einen Oberknecht, 27 „Stiefelleute" – benannt nach ihren hohen Flößerstiefeln – und 26 „Barfüßler" mit einfachen Schuhen. Sie standen bei Kälte und Nässe, teils nachts, im Fluss und zogen mit Haken die verkeilten Scheite auseinander, damit sich kein Stau bildete. An den Floßgassen war das besonders wichtig: 1754 wurde für die Waiblinger Gasse eigens ein Taglöhner abgestellt, der dem Scheiterholz „weiterhelfen", also einen Stau verhindern sollte. Unfälle gehörten dazu; für zwei 1821 verunglückte Flößer übernahm der Staat ausnahmsweise die beträchtlichen Kurkosten von 67 Gulden – eine gesetzliche Unfallversicherung gab es noch nicht.

Bezahlt wurde schlecht, und es wurde schlechter: 1826 kürzte der Staat die Taglöhne der Floßknechte von 40 auf 30 Kreuzer, die der Stiefelleute von anderthalb Gulden auf einen – zum Vergleich: Ein Achtpfünder-Brot kostete damals 16 Kreuzer. Für manche Arbeiten wurden zahlungsunfähige „Forststrafarbeiter" herangezogen, in Neckarrems sogar Militärsträflinge.

Winterbach in den Akten

Winterbach taucht in der Geschichte der Remsflößerei immer wieder auf – nicht am Rand, sondern mittendrin:

  • Die Floßgasse im Winterbacher Mühlwehr: 1660 erwähnt, 1736 im amtlichen Inventar der Anlagen gelistet – neben Großheppach, Schorndorf, Plüderhausen und Waldhausen. → Das Rätsel der Floßgasse
  • Der Einwurf des Holzes geschah „in der Regel in der Gegend von Schorndorf und Winterbach" – die Trift begann also praktisch vor der Haustür.
  • 1832/33 übernahm ausgerechnet der Winterbacher Kronenwirt die gesamte Remsflößerei als Pächter.
  • Ein Winterbacher Maurer baute in den 1740er-Jahren an den großen Anlagen mit: am neuen Ebnisee-Damm, an der Ausbesserung des Walkersbacher Damms und am kleinen Floßsee im Steinbächlestal. → Das Netz der Schwellseen

Niemand mochte die Trift

So nützlich die Trift dem Hof war, so unbeliebt war sie im Remstal. Die Müller klagten über stillstehende Mühlen – in Schorndorf 1717 über „sechs und mehr Tage", in Waiblingen um 1800 sogar über mehrere Wochen. Die Gemeinden sahen ihr Brennholz nach Stuttgart und Ludwigsburg schwimmen, während sie selbst Mangel fürchteten; eine Eingabe von 1793 beschreibt die Not des „armen RemsThalers" in drastischen Worten. Die Besitzer der Fischwasser wiesen auf die Schäden für ihren Ertrag hin. Und die Oberamtsbeschreibung von 1851 hält trocken fest: „Die Fischbruten leiden aber durch das Holzflößen." Dieser Satz aus einer amtlichen Beschreibung ist für uns heute wichtig: Die historische Wassernutzung nahm auf den Fluss wenig Rücksicht – ein Maßstab, an dem sich jede neue Nutzung messen lassen muss, unsere eingeschlossen. → Tiere und Pflanzen der Rems

Das Ende kam auf Schienen

Nicht die Klagen beendeten die Trift, sondern die Technik: Im Juli 1861 wurde die Remsbahn eröffnet, und Holz fuhr fortan schneller und günstiger auf der Schiene. 1862 wurde zum letzten Mal auf der Rems geflößt. 1863 versteigerte der Staat die Einrichtungen der Holzgärten. Und dann geschah etwas, das für unsere Spurensuche Gold wert ist: Für den Fall, dass das Floßregal je wieder gebraucht würde, wurden „sämtliche Floßgassen sehr sorgfältig vermessen und aufgezeichnet". Diese Risse liegen bis heute in den Archiven. → Das Rätsel der Floßgasse

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Flößerei und Trift?

Bei der Flößerei werden Stämme zu Flößen gebunden, auf denen Flößer mitfahren – so auf Neckar, Enz oder Murg. Bei der Trift (Scheiterflößerei) treibt loses, kurz gespaltenes Brennholz frei im Wasser; niemand fährt mit. Auf der Rems gab es nur die Trift. Die traditionelle Flößerei wurde 2022 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen; die Scheitertrift ist davon nicht automatisch umfasst – verwandt sind die beiden Techniken trotzdem. Deshalb sagen wir: Die Flößerei ist UNESCO-Kulturerbe. Die Trift auf der Rems ist ihr vergessenes Kapitel – und die Remswelle wäre ihr modernes Echo: ein Ort, an dem der Fluss wieder tragen würde. Wer tiefer einsteigen will: In der Deutschen Flößerei-Vereinigung (öffnet in neuem Tab) sind Flößervereine, Floßbetriebe, Museen und Kommunen aus ganz Deutschland zusammengeschlossen.

Wie lange brauchte das Holz von Winterbach bis Waiblingen?

Das Amtsgrundbuch von 1830 nennt für die ganze Strecke bis zu den Holzgärten 24 bis 36, oft auch 48 Stunden – je nach Wasserstand. Das Holz trieb also deutlich langsamer als das Wasser selbst, weil es sich an Ufern, Kiesbänken und Wehren immer wieder verfing.

Standen die Trifter auf dem schwimmenden Holz?

Auf der Rems beschreiben die Akten das Gegenteil: Die Stiefelleute standen im Wasser und arbeiteten mit Haken. Auf kurzen Scheiten kann niemand stehen. Anderswo – bei der Stammholz-Trift in den Alpen und beim Log Driving in Nordamerika – gehörte das Balancieren auf treibenden Stämmen dagegen zum Handwerk. Mehr dazu im Gedankenspiel → Der erste Remssurfer?

Gibt es noch Spuren der Trift?

Ja: Der Ebnisee ist heute ein Ausflugsziel, vom Walkersbacher See stehen Dammreste, und in den Staatsarchiven liegen die Akten – darunter eine eigene über die Winterbacher Floßgasse. → Das Netz der Schwellseen · → Das Rätsel der Floßgasse

Quellen: Uwe Jens Wandel, „Zur Flößerei auf Rems und Wieslauf", in: Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 9 (1987), S. 177–195 (nach den Akten im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Staatsarchiv Ludwigsburg und den Stadtarchiven Schorndorf und Waiblingen; dort auch Müllerordnung 1627, Bericht 1715, Amtsgrundbuch 1830, Löhne und Unfälle) · Beschreibung des Oberamts Schorndorf, Stuttgart 1851, Kapitel A 5 (Wikisource): Klafter-Mengen, Fischbrut · Deutsche UNESCO-Kommission: Flößerei – immaterielles Kulturerbe (2022) (öffnet in neuem Tab) · Deutsche Flößerei-Vereinigung e. V. (öffnet in neuem Tab) · → Die Rems im Wandel

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle