Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte
Als hier Meer war – wie das Remstal entstand
Winterbach liegt rund 245 Meter über dem Meer. Trotzdem findet man eine halbe Autostunde entfernt, in Holzmaden am Albtrauf, Fischsaurier, Seelilien und Ammoniten aus einem Meer, das vor 183 Millionen Jahren ganz Süddeutschland bedeckte. Wie passt das zusammen? Und könnte das Meer eines Tages zurückkommen? Diese Seite erzählt, wie das Tal entstanden ist, in dem die Remswelle laufen soll – und warum seine Hänge so sind, wie sie sind.
Das Tal in Schichten
Das Remstal bei Winterbach ist ein Keupertal. Der Keuper ist eine rund 30 Millionen Jahre lange Epoche am Ende der Triaszeit (etwa 235 bis 200 Millionen Jahre vor heute), in der sich hier Schicht für Schicht Tonmergel, Gips und Sandstein ablagerten – mal in flachen Lagunen, mal in Flussdeltas, mal in ausgetrockneten Salzpfannen. Diese Schichten liegen heute fast waagrecht übereinander, und die Rems hat sich von oben durch sie hindurchgegraben. Wer vom Fluss auf den Schurwald oder den Hungerberg steigt, wandert deshalb durch die Erdgeschichte nach oben:
- Talsohle: Gipskeuper. Die Rems fließt bei Winterbach im Gipskeuper, wie die Landeskunde festhält: „Durch die nördliche Gemarkungshälfte am Fuß der Berglen fließt die Rems in ihrem sich wieder verengenden Gipskeupertal.“ Gipskeuper ist ein weicher, bunter Tonmergel mit Gipslagen – leicht auszuräumen, deshalb das breite Tal, und quellfähig, deshalb die unruhigen Böden am Hangfuß.
- Untere Hänge: Schilfsandstein und Bunte Mergel. Über dem Gipskeuper folgt eine Sandsteinbank, der Schilfsandstein, abgelagert in Flussrinnen eines Deltas; darüber die Bunten Mergel, wieder Tonmergel. Sandstein über Tonmergel – dieses Paar bestimmt, wo Quellen austreten und wo Hänge rutschen.
- Obere Hänge und Höhen: Stubensandstein. Der Schurwald südlich der Rems ist eine Stubensandstein-Hochfläche: „Südlich von ihr greift der Bezirk auf den Stubensandstein des Schurwalds hinauf.“ Auch am Hungerberg stehen Sandsteine an; der ehemalige Steinbruch, den der Heimatverein auf seinen kulturgeschichtlichen Wegen zeigt, ist ein Stubensandstein-Bruch.
- Ganz oben: Knollenmergel und Lias. Manolzweiler liegt „im Bereich des unterbrochenen Liasstufenrands auf einem Höhenrücken über Knollenmergeln“ – dort beginnt bereits der Jura, dieselbe Zeit, aus der die Meeresfossilien von Holzmaden stammen.
Wie das Meer nach Holzmaden kam – und wieder ging
Die Schichten, die man heute an den Hängen sieht, entstanden nahe der Meereshöhe. Süddeutschland war in Trias und Jura ein flaches, langsam absinkendes Becken am Rand eines Ozeans; Flüsse trugen Sand und Schlamm hinein, zeitweise drang das Meer weit ins Land. Der Posidonienschiefer von Holzmaden – Unterjura, rund 183 Millionen Jahre alt – ist der Schlamm eines solchen Meeresbodens, in dem Fischsaurier und Seelilien so gut erhalten blieben, weil am Grund kaum Sauerstoff war.
Dass Holzmaden heute rund 400 Meter und die Alb 700 bis 1.000 Meter über dem Meer liegen, hat zwei Gründe, die man auseinanderhalten muss. Erstens lag der Meeresspiegel damals höher als heute, weil es keine Polkappen gab und die Ozeanbecken durch aktivere Rücken am Meeresgrund weniger Wasser fassten. Zweitens – und das ist der größere Anteil – wurde das Land später gehoben: Mit der Auffaltung der Alpen, ab dem Tertiär, wurde ganz Süddeutschland angehoben und leicht nach Südosten gekippt. Erst dadurch entstanden die Schichtstufen von Keuper und Jura, und erst dadurch konnten sich Neckar und Rems in die alten Meeresablagerungen einschneiden. Das Remstal ist also jung: Es ist das Werk eines Flusses, der sich seit wenigen Millionen Jahren durch die Ablagerungen eines viel älteren Meeres arbeitet. Die Rems bei Winterbach liegt heute mehr als 200 Meter unter der Schurwaldhöhe – so viel hat der Fluss hier weggeräumt.
Kommt das Meer je wieder?
Die Vorstellung, der Meeresspiegel könne einmal bis Winterbach steigen, ist verlockend – und physikalisch unmöglich. Der Meeresspiegel kann nur so weit steigen, wie Wasser vorhanden ist. Alles Eis der Erde zusammen entspricht rund 66 Metern: die Antarktis rund 58 Meter, Grönland gut 7 Meter, alle Gebirgsgletscher der Welt zusammen nur etwa 30 Zentimeter. Dazu kommt die Ausdehnung des wärmer werdenden Wassers, in einem sehr warmen Klima einige Meter. Selbst eine völlig eisfreie Erde brächte das Meer also grob 70 bis 80 Meter höher – nicht 245. Die Szenarien des Weltklimarats für das Jahr 2100 liegen bei etwa 0,3 bis 1 Meter, für die Jahrhunderte danach bei einigen Metern.
Das Gedankenexperiment zeigt trotzdem etwas: Die Norddeutsche Tiefebene, Hamburg, Bremen und weite Teile Niedersachsens lägen unter Wasser, Berlin am Meer. Winterbach nicht. Für uns im Remstal heißt Klimawandel etwas anderes: wärmere Rems, trockenere Sommer, heftigerer Starkregen. → Die Rems wird wärmer · → Hochwasserschutz an der Rems
Warum Hänge im Keuper rutschen
Sandstein über Tonmergel ist eine wackelige Kombination. Regen versickert im klüftigen Sandstein, staut sich auf dem dichten Mergel darunter und tritt am Hang als Quelle aus – so entstehen die Quellhorizonte, die Winterbach „das beste Quellwasser im Remsthal“ eingebracht haben. → Quellen und Hangwasser Saugt sich der Mergel nach langem Regen voll, wird er weich und zur Gleitfläche: Der Sandstein darüber bricht in Schollen und rutscht.
Wie schnell das gehen kann, hat das Remstal am 7. April 2001 in Urbach erlebt. Am Kirchsteig oberhalb des Orts rutschte innerhalb von rund 80 Minuten ein ganzer Hang ab: Die Abrisskante war rund 240 Meter lang und bis zu 17 Meter hoch, die Erdmassen flossen 200 Meter talwärts, 3,2 Hektar mit rund 100 Grundstücken und mehreren Freizeithütten waren betroffen. Geologisch war es klüftiger Kieselsandstein des Mittleren Keupers, der auf den Bunten Mergeln abglitt – dieselbe Schichtenfolge wie an den Remstalhängen. Seit 2008 ist die Rutschung Naturschutzgebiet „Bergrutsch am Kirchsteig bei Urbach“ und darf wegen Nachbrüchen und Spalten nicht betreten werden. In Winterbachs Nachbarschaft führt das Land außerdem ein Naturdenkmal mit dem sprechenden Namen „Quelliger Rutschhang im Knollenmergel“ – Knollenmergel ist die rutschfreudigste Schicht des ganzen Keupers.
Auch im Tal macht sich der Untergrund bemerkbar: Der Auenboden der Rems ist so wenig tragfähig, dass die Ballspielhalle des Sportzentrums 1995 auf Pfähle gegründet werden musste. → Kühle Luft für Winterbach
Steine aus dem Tal
Was der Fluss freigelegt hat, haben die Menschen genutzt. Am Engelberg, auf der Schurwaldseite, gab es bis weit ins 20. Jahrhundert Steinbrüche und Sandmühlen: Harter Quarzsandstein wurde zu Pflastersteinen gebrochen, feiner weißer Sand ging an die Maurer, grober brauner an die Gipser. Auf der Hungerbergseite zeigt der Heimatverein einen ehemaligen Stubensandstein-Bruch, heute Naturdenkmal, aus dem die „Fleins“ kamen – sehr harte Sandsteinbänke, mit denen die Weingärtner ihre Wengertmauern bauten. Und in den Kerfgruben, wie die Mergelgruben im Remstal heißen, holten sie sich „jungfräulichen Boden“ für die Weinberge. Selbst die Michaelskirche ist Erdgeschichte zum Anfassen: 1309 als Wehrkirche aus Steinquadern errichtet, mit Kirchhofmauern, die bis heute stehen. → Spuren im Hungerberg
Wie hoch liegt was in Winterbach?
Der Ort liegt in der Aue zwischen 240 und 255 Metern, kaum zehn Meter über der Rems – deshalb spielt der Hochwasserschutz eine so große Rolle. Nach Norden steigt der Hungerberg in anderthalb Kilometern um mehr als 170 Meter an, nach Süden der Schurwald auf über 460 Meter. Diese Talflanken sind es, die nachts die kühle Luft ins Tal schicken. → Kühle Luft für Winterbach
Was das für die Remswelle heißt
Eine Flusswelle braucht Gefälle und Wasser – beides ist ein Geschenk der Erdgeschichte. Das Gefälle hat die Rems, weil das Land gehoben wurde und der Fluss sich einschneidet; das Wasser kommt aus einem Einzugsgebiet, dessen Keuperhänge Regen speichern und langsam abgeben. Und der Untergrund am Remswehr – Auenlehm über Gipskeuper – ist genau das, was die Machbarkeitsprüfung untersuchen muss, bevor jemand baut. → Machbarkeitsstudie · → Standort Winterbach
Häufige Fragen
Kann der Meeresspiegel bis Winterbach steigen?
Nein. Alles Eis der Erde entspricht rund 66 Metern Meeresspiegel, mit der Ausdehnung des wärmeren Wassers käme man auf grob 70 bis 80 Meter. Winterbach liegt rund 245 Meter über dem Meer. Die Szenarien des Weltklimarats für 2100 liegen bei etwa 0,3 bis 1 Meter.
Warum liegen Meeresfossilien in Holzmaden, wenn das Meer nie so hoch stand?
Weil nicht das Meer so hoch stand, sondern das Land so tief lag. Zur Jurazeit war Süddeutschland ein flaches Meeresbecken nahe dem damaligen Meeresspiegel. Erst viel später, mit der Alpenfaltung, wurde das Land um Hunderte Meter gehoben.
Wie hoch liegt Winterbach über dem Meer?
Die Ortsmitte liegt bei rund 241 Metern am Marktplatz und rund 246 an der Michaelskirche, die auf einer kleinen Kuppe steht; die Rems bei rund 238, der südliche Ortsrand am Schurwaldfuß bei rund 250 Metern; der Hungerberg steigt auf über 400, der Schurwald auf über 460 Meter.
Warum rutschen Hänge im Remstal?
Weil im Keuper Sandstein auf Tonmergel liegt. Der Mergel saugt sich bei langem Regen voll und wird zur Gleitfläche, der Sandstein darüber rutscht ab – so geschehen 2001 in Urbach.
Woraus besteht der Schurwald?
Aus Stubensandstein, einer Sandsteinschicht des oberen Keupers, die als Hochfläche südlich der Rems ansteht; auf den höchsten Rücken bei Manolzweiler folgen Knollenmergel und der Beginn des Jura.
Quellen: Landesarchiv Baden-Württemberg, LEO-BW Ortslexikon „Winterbach (Remstal)“ (Naturraum: Gipskeupertal, Stubensandstein des Schurwalds, Liasstufenrand über Knollenmergeln) · LGRB Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau, LGRBwissen „Keuperbergland“ und „Stubensandstein“ · Geotouren Schwarzwald, „Urbach: Bergrutsch-Rundweg“ (Rutschung 07.04.2001, NSG seit 2008) · IPCC, Sechster Sachstandsbericht (AR6), Arbeitsgruppe I, Kapitel 9 (Meeresspiegel-Szenarien, Eisvorräte) · Morlighem u. a., BedMachine Antarctica (2020) und Greenland (2017); Farinotti u. a., Gletschervolumen (2019) · LUBW, Verzeichnis der Naturdenkmale („Ehemaliger Steinbruch“, „Quelliger Rutschhang im Knollenmergel“), Grundlage: Daten aus dem Umweltinformationssystem (UIS) der LUBW · Heimatverein Winterbach e. V., „Kulturgeschichtliche Wege um den Hungerberg“ (2019) und „Steinbrecher in Winterbach“ (2021) · Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I (1993), Michaelskirche Winterbach · Höhen: Copernicus-Geländemodell GLO-90 (Open-Meteo) und EU-DEM, eigene Auswertung; Deutschlandkarte: 10-Kilometer-Raster, vereinfacht
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle