Remswelle

Flusswellen · bauen, betreiben, surfen

Kann eine Welle Lebensraum schaffen?

Surfanlagen verändern Gewässer – so viel ist sicher. Aber in welche Richtung? Im Meer wurden künstliche Surfriffe von Algen, Fischen und Wirbellosen besiedelt; an Flüssen werben manche Wellenprojekte mit ökologischer Aufwertung, während Studien andernorts vor neuen Wanderhindernissen warnen. Diese Seite sortiert, was belegt ist – und was wir für die Rems daraus machen: keine Versprechen, sondern ein Prüfprogramm.

Was künstliche Surfriffe im Meer zeigen

Die beiden am besten untersuchten Surfriffe liegen im Meer, nicht im Fluss – aber sie zeigen, wie man die Frage seriös beantwortet: durch jahrelanges Hinschauen.

Narrowneck (Gold Coast, Australien): um 2000 aus sandgefüllten Geotextil-Elementen gebaut, für Küstenschutz und Surfen. Untersuchungen dokumentierten Großalgen auf weiten Teilen der Riffoberfläche sowie Fische, Schwämme, Seescheiden, Seeigel und Weichkorallen. Der wissenschaftliche Vergleich mit natürlichen Riffen fiel zugleich nüchtern aus: besiedelt ja – aber die natürlichen Riffe blieben artenreicher. Ein künstliches Riff ersetzt kein natürliches. Mitglieder unserer Initiative haben sich die Gold-Coast-Küste mit ihren Riffprojekten selbst angesehen; Eindrücke und Bilder davon ergänzen wir hier, sobald sie aufbereitet sind.

Boscombe (England): 2009 als Europas erstes künstliches Surfriff gebaut – als Surfprojekt hinter den Erwartungen geblieben, als Ökologie-Experiment aufschlussreich. Eine Studie über die Jahre 2009–2014 zählte 180 Taxa, darunter 132 Wirbellosen- und Fischarten und 48 Algenarten, mit klarer Besiedlungsabfolge. Elf der 180 Taxa (rund 6 %) waren allerdings nichtheimische Arten – ein höherer Anteil als an natürlichen Riffen. Das Fazit der Forscher ist ein Lehrstück an Vorsicht: Der Beitrag zur Artenvielfalt könne als positiv gelten – sofern keine negativen Wirkungen auf die natürlichen Riffe festgestellt werden.

Die Lehre: Besiedlung ist der Normalfall, wenn man Hartsubstrat ins Wasser stellt. Ob daraus unterm Strich ein ökologischer Gewinn wird, entscheidet der Vergleich mit dem, was vorher da war – und das zeigt sich erst nach Jahren.

Und im Fluss?

Flusswellen sind keine Riffe: Im Fluss zählen Strömungsvielfalt, Substrat, Kolke, Ruhezonen – und vor allem die Durchgängigkeit für wandernde Fische. Die Beispiele zeigen die ganze Spannbreite:

  • Bend Whitewater Park (Oregon): Dort wurde ein zuvor unpassierbarer Damm zu einem Park mit getrennten Zonen für Surfen, Fischpassage und Lebensraum umgebaut – gegenüber dem Altzustand eine Verbesserung der Wandermöglichkeiten. Wichtig: Dieser Vorteil ist auf die Rems nicht übertragbar, denn am geplanten Wellenstandort besteht kein Wanderhindernis, das eine Welle beseitigen könnte.
  • Fuchslochwelle (Nürnberg) und Leinewelle (Hannover): kombinieren die Welle mit Fischpass beziehungsweise „Ökopass" und naturnaher Ufergestaltung; die ökologischen Fachbeiträge spielten in den Genehmigungsverfahren eine zentrale Rolle. Unabhängige Vorher-nachher-Messungen eines ökologischen *Netto*gewinns liegen uns bisher nicht vor. → Fallstudie Fuchslochwelle · → Fallstudie Leinewelle
  • Blackforestwave (Pforzheim): wählt den Standort in einem bestehenden Kanal, um Eingriffe in den Fluss zu vermeiden – Eingriffsvermeidung als Konzept, nicht nachträgliche Aufwertung. → Fallstudie Blackforestwave
  • Die Warnung aus Colorado: Hydraulische Modellstudien zu Wildwasserparks (u. a. Gore Canyon) kamen zum Ergebnis, dass die eingebauten Strukturen die modellierten Wanderkorridore für Fische drastisch verengen können – hohe Geschwindigkeiten, geringe Tiefen und Engstellen wirken trotz attraktiver Welle als Barriere. Es sind Modellwerte, keine gemessenen Aufstiegszahlen – aber eine deutliche Mahnung.

Unsere Haltung für die Rems

Für die Remswelle gilt unverändert: Die Fischdurchgängigkeit ist Bedingung, nicht Verhandlungsmasse. Am geplanten Standort fließt die Rems heute frei – eine Welle kann dort also nichts „entfesseln", sie darf nur nichts verschlechtern. Aussagen über die Wirkung einer Welle auf die Durchgängigkeit treffen wir nicht; das klärt die Machbarkeitsprüfung mit Fachleuten. → Wehre und Durchgängigkeit · → Flusswelle genehmigen

Die ehrliche Forschungsfrage lautet deshalb nicht „Hilft die Welle dem Fluss?", sondern: Kann eine Welle in einem frei durchgängigen Fluss zusätzliche Lebensräume schaffen, während die Durchgängigkeit vollständig erhalten bleibt? Denkbar wäre das über strukturreiche Zonen außerhalb des Surfbereichs – Kies, Kolke, Rückzugsräume. Ob das am konkreten Standort trägt, kann heute niemand seriös sagen.

Was wir prüfen wollen

Statt zu versprechen, schlagen wir vor zu messen – in dieser Reihenfolge:

  1. Vorher-Zustand dokumentieren: Fischarten, Wirbellose, Habitate, Strömung, Substrat am geplanten Standort – bevor irgendetwas gebaut wird.
  2. Die Stufe am Vogelturm als Lehrstück nutzen: An der kleinen Schwelle vor dem Remsknie beobachten wir seit Längerem auffällig viele Stichlinge und Krebstiere – mehr als an gleichmäßig fließenden Abschnitten. Der Wechsel aus schnellen und ruhigen Zonen, Verstecken und Sauerstoffeintrag kann das erklären. Aber Vorsicht vor dem schnellen Schluss: Viele Tiere an einer Stelle belegen weder mehr Arten noch einen besseren Gesamtzustand. Deshalb wollen wir zählen – mit gleicher Methode, zur gleichen Jahreszeit, an der Stufe, an glatten Abschnitten und am künftigen Wellenstandort, samt Strömung, Tiefe, Substrat und Temperatur.
  3. Hydraulik der geplanten Welle modellieren, gerade bei Niedrigwasser und im Surfbetrieb, und jede Entwurfsvariante auf Durchgängigkeit und mögliche Zusatz-Lebensräume prüfen lassen.
  4. Von den anderen lernen: die landschaftspflegerischen Pläne und etwaige ökologische Nachkontrollen aus Nürnberg und Hannover anfragen und auswerten.

Häufige Fragen

Schafft eine Surfwelle automatisch neuen Lebensraum?

Nein. Belegt ist, dass neue Strukturen im Wasser besiedelt werden – im Meer wie im Fluss. Ob daraus ein Nettogewinn für das Gewässer wird, hängt vom Vorzustand, vom Entwurf und von der Durchgängigkeit ab und zeigt sich erst über Jahre. Seriös ist nur, wer vorher misst und nachher weitermisst.

Beseitigt die Remswelle ein Wanderhindernis, wie es in Bend geschah?

Nein – am geplanten Standort gibt es keines. Deshalb kann und wird die Remswelle nicht mit einer „Verbesserung der Durchgängigkeit" werben. Ihr Maßstab ist strenger: den heutigen, freien Zustand vollständig erhalten.

Warum zählt ihr ausgerechnet Stichlinge am Vogelturm?

Weil dort im Kleinen zu besichtigen ist, worum es im Großen geht: Eine Stufe mit Strömungsvielfalt zieht sichtbar Leben an. Ob das „mehr Tiere" oder „mehr Arten" bedeutet und was es für eine geplante Welle heißt, lässt sich nur durch systematisches Zählen klären – genau das haben wir vor. Es ist eine eigene Beobachtung, als solche gekennzeichnet.

Waren Mitglieder der Initiative wirklich an den australischen Riffen?

Ja – als Surfer sind Mitglieder der Initiative rund um den Globus unterwegs und haben sich an der Gold Coast angesehen, wie Australien Küstenschutz, Surfen und Riff-Lebensraum kombiniert. Solche Eindrücke ersetzen keine Studien, aber sie schärfen die Fragen, die wir an Studien stellen.

Quellen: Herbert, R. J. H. u. a. (2017): Epibenthic and mobile species colonisation of a geotextile artificial surf reef (Boscombe), PLOS ONE 12(9): e0184100 · Studien zum Narrowneck Reef (Geotextil-Riffgemeinschaften; Marine Ecosystem Enhancement, Fallstudie Narrowneck) · Bend Park & Recreation District: Bend Whitewater Park, Zustandsbericht 2025 · Richer u. a.: Making Waves – Effects on Fish Passage (River Research and Applications, DOI 10.1002/rra.70069) · Nürnberger Dauerwelle: Projektseiten Fuchslochwelle · Verwaltungsgericht Hannover: Entscheidung zur Leinewelle · Blackforestwave: Welle und Umweltkonzept · Eigene Beobachtung der Initiative (Stichlinge am Vogelturm, gekennzeichnet) · → Tiere und Pflanzen der Rems

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle