Flusswellen · bauen, betreiben, surfen
Surfen, Jugend und Gesundheit: was die Forschung sagt
Wer eine Welle plant, hört zwei Sätze: „Das ist doch nur etwas für ein paar Surfer“ und „Surfen tut Jugendlichen gut“. Beide stimmen so nicht. Dieser Artikel sammelt, was belegt ist – über Bewegung und Bildschirmzeit von Kindern und Jugendlichen, über Surfen als jugendliche Bewegungskultur und über Studien zu Surfprogrammen. Und er sagt, wo die Belege aufhören.
Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Kindern und Jugendlichen von 5 bis 17 Jahren im Schnitt mindestens 60 Minuten mäßige bis anstrengende Bewegung am Tag. In Deutschland erreichen das nur wenige: Nach der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts (Welle 2, 2014 bis 2017) schaffen es 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen zwischen 3 und 17 Jahren. Die Motorik-Modul-Studie kam 2019 zum selben Bild: Rund 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen erreichen die Empfehlung nicht.
Bildschirmzeit: die Konkurrenz um die freie Zeit
Die Längsschnittstudie der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf misst seit Jahren, wie 10- bis 17-Jährige digitale Medien nutzen. In der Befragung vom Herbst 2025 (veröffentlicht im März 2026) verbrachten sie werktags im Schnitt 146 Minuten mit sozialen Medien, am Wochenende 201 Minuten. Mehr als 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche zeigen demnach eine problematische Nutzung sozialer Medien, mehr als 1,3 Millionen beim Video-Streaming.
Daraus folgt nicht, dass eine Sportstätte Mediensucht verhindert – das behauptet keine Studie. Es folgt etwas Bescheideneres: Bewegungsangebote konkurrieren mit dem, was Jugendliche in ihrer freien Zeit tatsächlich fasziniert. Wer Bildschirmzeit nur kritisiert, gewinnt diese Konkurrenz nicht; wer attraktive Orte für echte Erlebnisse schafft, hat eine Chance.
Surfen als jugendliche Bewegungskultur
Der Dritte Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht („Kinder- und Jugendsport im Umbruch“, 2015) beschreibt Trendsport als eigene Sportszene neben dem Vereinssport und nennt als Beispiele BMX, Skateboarding, Surfen und Parkour: Bewegungskulturen, die Jugendliche in lokalen Szenen selbst gestalten. Skateboarding und Surfen sind seit Tokio 2021 olympisch – aus der Szene ist Leistungssport geworden, ohne dass die Szene verschwunden wäre.
Dass Sport draußen und Naturerlebnis zusammengehören, ist auch im organisierten Jugendsport angekommen. Die Deutsche Sportjugend und die Naturschutzjugend haben dazu eine gemeinsame Arbeitshilfe herausgegeben („Abenteuer JUUS – Natürlich sportlich“, 2009): „Viele Kinder und Jugendliche suchen bei Sport und Bewegung draußen in der Natur das besondere Abenteuer“; ihr Leitsatz lautet „Sport und Umwelt gehören zusammen“. Eine Flusswelle ist ein solcher Ort: Wer dort surft, hat es mit Strömung, Wasserstand und Wasserqualität zu tun – Umweltbildung, die man nicht erklären muss. → Wasserqualität der Rems
Was Studien zu Surfprogrammen zeigen
Zu Surfen und dem Wohlbefinden junger Menschen gibt es eine kleine, wachsende Forschung. Drei Arbeiten werden häufig zitiert:
- The Wave Project, Großbritannien. Die Organisation bietet sozial belasteten Kindern und Jugendlichen betreute Surfkurse im Meer an. Eine Auswertung von 2015 (Godfrey, Devine-Wright und Taylor, Community Practitioner) begleitete 84 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren durch einen sechswöchigen Kurs an sieben Orten in Südwestengland. Ihr Wohlbefinden verbesserte sich signifikant und blieb auch drei Monate nach dem Kurs höher; ein Jahr später kamen 70 Prozent regelmäßig in einen Surfclub.
- „Surf to Success“, Großbritannien. Hignett und Kollegen (2018, Journal of Adventure Education and Outdoor Learning) untersuchten ein zwölfwöchiges Surfprogramm für 13- bis 16-Jährige, die vom Schulausschluss bedroht oder betroffen waren. Danach sank der Ruhepuls (ein Hinweis auf bessere Fitness), die Jugendlichen äußerten sich positiver über Schule und Freundschaften, zeigten mehr Umweltbewusstsein und wurden von ihren Lehrkräften besser bewertet. Beim Wohlbefinden insgesamt war das Bild gemischt.
- Universitätsklinikum Freiburg. Die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter hat in einer Pilotstudie Gruppen-Verhaltenstherapie für Jugendliche mit Depression mit Wassersport und einem Surfcamp auf Sylt verbunden und berichtet „deutliche Verbesserungen bezüglich der depressiven Symptomatik“. Ihre Übersichtsarbeit zum Forschungsstand (Hearn, Biscaldi-Schäfer und Fleischhaker, 2024, Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie) kommt zu dem Schluss, dass erste Studien positive Effekte nahelegen, die Forschung aber begrenzt ist und weitere Untersuchungen braucht.
Was die Studien nicht zeigen
Alle drei Arbeiten betreffen Surfen im Meer, in betreuten Programmen mit geschultem Personal, und keine hatte eine Kontrollgruppe. Ob die Verbesserungen vom Surfen kommen, von der Betreuung, von der Gruppe oder vom Tapetenwechsel, lässt sich daraus nicht trennen. Zu Flusswellen gibt es solche Studien nicht. Surftherapie ist Therapie – mit Fachleuten, Diagnose und Konzept. Eine Welle ist ein Sportort, kein Behandlungsangebot. Seriös ist deshalb nur der Schluss: Surfen hat das Zeug, Jugendliche zu begeistern und in Bewegung zu bringen, und die ersten Studien dazu sind ermutigend.
Rapid Surfing: vom Trend zum organisierten Sport
Surfen auf stehenden Wellen hat sich in wenigen Jahren organisiert. Die Deutsche Meisterschaft im Rapid Surfing hat eigene Juniorenklassen für Mädchen und Jungen unter 16 Jahren; 2026 lief sie als Teil der Finals an der Leinewelle in Hannover. Die Leinewelle, nach eigenen Angaben komplett ehrenamtlich betrieben, zählt mehr als 500 Mitglieder und Gäste und hat 2025 einen eigenen Jugendwettbewerb ausgerichtet. Im September 2026 fand in Ebikon bei Luzern die erste Europameisterschaft statt; der Deutsche Olympische Sportbund sah darin ein Zeichen für „die steile Entwicklungskurve und das große Potenzial der noch jungen Sportart“, und der Deutsche Wellenreitverband betonte, dass die Juniorinnen und Junioren „bei der Entwicklung der Sportart eine ganz besondere Rolle spielen“. → Rapid Surfing
Der Verband nennt auch den Grund, warum stehende Wellen für den Nachwuchs wichtig sind: „Auf Grund der geringeren Reisekosten kann dieser Bereich evtl. auch einer größeren Gruppe von Kindern und Jugendlichen offenstehen.“ Surfen im Meer heißt für Familien aus dem Binnenland: Fernreise. Eine Welle in der Nähe heißt: nach der Schule mit dem Rad hin.
Was Flusswellen heute für Kinder anbieten
In Pforzheim lädt der blackforestwave e.V. alle Kinder ein, die schwimmen können; für Mitglieder sind Board, Neopren, Helm und Weste im Beitrag enthalten, Nichtmitglieder surfen an Open-Surf-Tagen. In Nürnberg bietet die Fuchslochwelle Kinderkurse ab zwölf Jahren an. Überall gilt: Helm, Aufsicht, feste Surfzeiten – und schwimmen können muss man. → Fallstudie Pforzheim · → So surfst du eine Flusswelle
Was das für eine Flusswelle heißt
Eine Flusswelle löst keine Jugendprobleme. Sie kann etwas Konkreteres: ein Bewegungsangebot sein, das Jugendliche von sich aus attraktiv finden – draußen, am Wasser, mit Gleichaltrigen, in einer Sportart mit Szene, Wettkämpfen und Vorbildern. Sie kann Jugendliche erreichen, die der klassische Vereinssport nicht erreicht, und sie macht einen Sport erreichbar, der sonst eine Reise ans Meer voraussetzt. Wie wir das für die Remswelle denken: → Kinder und Jugendliche an der Remswelle
Häufige Fragen
Ist Surfen gut für die psychische Gesundheit von Jugendlichen?
Erste Studien zu betreuten Surfprogrammen im Meer zeigen ein besseres Wohlbefinden und bei Jugendlichen mit Depression eine Besserung der Symptome. Die Studien sind klein und ohne Kontrollgruppe; eine Übersichtsarbeit des Universitätsklinikums Freiburg nennt die Befunde ermutigend, die Forschung aber begrenzt. Zu Flusswellen gibt es keine solchen Studien.
Ab welchem Alter kann man auf einer Flusswelle surfen?
Das legt jede Welle selbst fest. In Pforzheim sind alle Kinder willkommen, die schwimmen können; Nürnberg bietet Kinderkurse ab zwölf Jahren an. Helm und Aufsicht sind an gebauten Wellen üblich.
Ist Rapid Surfing nicht nur eine Modeerscheinung?
Rapid Surfing hat seit 2019 Deutsche Meisterschaften, heute mit Juniorenklassen, seit 2026 einen nationalen Kader und eine Europameisterschaft; der Deutsche Wellenreitverband ist Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund. Der DOSB spricht von einer „steilen Entwicklungskurve“.
Quellen: WHO, Guidelines on physical activity and sedentary behaviour (2020) · Robert Koch-Institut, Journal of Health Monitoring 1/2018 (KiGGS Welle 2, körperliche Aktivität) · Motorik-Modul-Studie, Karlsruher Institut für Technologie/PH Karlsruhe, idw, 18.03.2019 · DAK-Gesundheit/DZSKJ am UKE, Mediensucht-Studie 2026, Ergebnisbericht und Pressemitteilung vom 24.03.2026 · Deutscher Olympischer Sportbund, „Was steht im Dritten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht?“; W. Schmidt u. a. (Hrsg.), Dritter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht, 2015 · Deutsche Sportjugend und Naturschutzjugend, „Abenteuer JUUS – Natürlich sportlich“, 2009 · C. Godfrey, H. Devine-Wright, J. Taylor, „The positive impact of structured surfing courses on the wellbeing of vulnerable young people“, Community Practitioner 88(1), 2015 · A. Hignett u. a., Journal of Adventure Education and Outdoor Learning 18(1), 2018 · B. Hearn, M. Biscaldi-Schäfer, C. Fleischhaker, „Aktueller Forschungsstand zur Surftherapie …“, Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 2024 · Universitätsklinikum Freiburg, „Surfen gegen Depressionen“, 26.04.2023 · Deutscher Wellenreitverband, „Rapid Surfing“ (wellenreitverband.de) · DOSB, „Eine Sportart auf Erfolgswelle“, 22.09.2026 · Leinewelle e.V., „Finals 2026“ und „Jugend“ (enercity-leinewelle.de) · blackforestwave e.V., „FAQ“ (blackforestwave.de)
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle