Remswelle

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Zu viele Bienen? Verdrängen Honigbienen die Wildbienen an Rems und Hungerberg?

Kann es zu viele Honigbienen geben? Unter Imkern wird die Frage nicht gern gehört, berechtigt ist sie trotzdem. Honigbienen sind Nutztiere, sie werden gehalten, gepflegt und im Winter versorgt. Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge leben vom selben Blütenangebot, aber niemand füttert sie zu. Die kurze Antwort: Es kommt darauf an – auf die Zahl der Völker, auf die Jahreszeit und darauf, wie viel blüht. Diese Seite erklärt, was man darüber weiß, was nicht belegt ist und was jeder tun kann.

Zwei Lebensweisen

Die Honigbiene lebt in einem Volk. Im Sommer zählt es mehrere zehntausend Bienen, im Winter einige tausend. Die Sammlerinnen teilen sich mit dem Schwänzeltanz mit, wo es gerade etwas zu holen gibt, und das ganze Volk fliegt dorthin. Ein Volk kann also schnell auf ein gutes Blütenangebot umschwenken – und es leer sammeln. Honigbienen sind Generalisten: Sie besuchen fast alles, was Nektar oder Pollen bietet.

Wildbienen sind in Deutschland mit über 550 Arten vertreten, Hummeln eingeschlossen. Die meisten leben allein: Ein Weibchen baut ein Nest, legt darin einige Brutzellen an, versorgt jede mit einem Vorrat aus Pollen und Nektar und legt ein Ei dazu. Die ganze Fortpflanzung eines Jahres hängt an den wenigen Wochen, in denen sie fliegt, und an dem, was in dieser Zeit in der Nähe des Nests blüht. Etwa ein Drittel der heimischen Arten, die selbst Pollen sammeln, ist auf wenige verwandte Pflanzen spezialisiert – auf Glockenblumen, Natternkopf, Weiden oder Schmetterlingsblütler. Fehlen diese, fehlt die Art.

Wie weit Bienen fliegen

Honigbienen fliegen weit, und wie weit, hängt vom Angebot ab. Eine Studie aus England hat über drei Jahre die Schwänzeltänze von Bienenvölkern ausgewertet – jeder Tanz verrät die Entfernung zur Futterquelle. Im Frühjahr sammelten die Bienen im Mittel knapp 500 Meter vom Stock entfernt, im Hochsommer über zwei Kilometer, im Herbst knapp 1.300 Meter. Das Gebiet, das ein Volk absucht, wächst damit von knapp einem auf rund 15 Quadratkilometer.

Wildbienen können das nicht. Kleine Arten sammeln meist nur wenige hundert Meter um ihr Nest, große Arten weiter, aber kaum über einen Kilometer. Und jeder Meter kostet: In einem Versuch in der Schweiz baute die Natternkopf-Mauerbiene schon bei 150 Metern mehr Weg zu den Blüten 23 Prozent weniger Brutzellen, bei 200 Metern 31 Prozent weniger. Wenn die Blüten in der Nähe des Nests leer gesammelt sind, kann die Wildbiene nicht ausweichen – sie bekommt weniger Nachkommen.

Wann es eng wird

Schematisch
Schematisch: Blühangebot am Hungerberg (grün) und mittlere Sammelentfernung der Honigbiene (blau) im Jahreslauf. Hervorgehoben die Zeit von Mitte Juli bis Ende September, in der wenig blüht und Honigbienen am weitesten fliegen.

So lesen Sie die Grafik: Die Grafik ist ein Schema, keine Messreihe. Die grüne Kurve zeigt, wie viel am Hungerberg blüht – ohne Zahlen, nur von wenig bis viel. Sie folgt unserer eigenen Erhebung in der Gegend des Böhnlöchle: Ab Februar geht es los, Ende April bis Anfang Juni blühen Streuobst, Hecken und Magerwiesen gleichzeitig, ab Ende Juni lässt es nach, und ab Mitte Juli blühen nur noch wenige Arten – Brombeere, Weidenröschen, späte Wiesenblumen und im Herbst der Efeu. Dass die Blüte im Hochsommer einbricht, beschreiben auch Fachstellen für Süddeutschland. Die blaue Kurve gehört zur rechten Achse: Sie zeigt, wie weit Honigbienen im Mittel zum Sammeln fliegen. Die drei Punkte sind die Messwerte der Studie aus England; darunter steht, wie groß das Gebiet ist, das die Bienen eines Volks dann absuchen. Dazwischen ist die Kurve geglättet, im Winter fliegen die Bienen kaum. Was man sieht: Die beiden Kurven laufen gegeneinander. Wenn das Blühangebot fällt, steigt die Sammelentfernung – im orange markierten Hochsommer liegen wenig Blüten und weite Flüge zusammen.

Warum gerade im Hochsommer. Im Frühjahr, wenn überall etwas blüht, bleiben die Honigbienen in der Nähe des Stocks, und es reicht für alle. Im Hochsommer kommen sie aus einem fast zwanzigmal so großen Gebiet zu denselben wenigen Blüten, auf die die Wildbienen am Nest angewiesen sind. Wenig Blüten, weite Wege der Honigbienen, kein Ausweg für die Wildbienen: Dort entscheidet sich die Konkurrenz.

Blüten, die nur Pollen geben. Ein Teil dessen, was im Frühjahr am Hungerberg blüht, sind Windblüher: Hasel, Birke, Buche, Eiche, Kiefer, Walnuss und Tanne. Sie verbreiten ihren Pollen mit dem Wind und bieten keinen Nektar. Für Honigbienen ist der frühe Pollen von Hasel und Birke wichtig, weil das Volk damit im Februar und März die erste Brut aufzieht; die Tanne liefert im Sommer manchmal Honigtau. Die meisten Wildbienen können mit Windblühern wenig anfangen. Für sie zählt, was Nektar und Pollen zugleich bietet – im Frühjahr ist das reichlich vorhanden, im Hochsommer nicht.

Was Studien zur Konkurrenz sagen

Die Frage wird seit Jahren untersucht, und die Ergebnisse sind nicht einheitlich. Zwei große Übersichtsarbeiten haben die Literatur ausgewertet: Die eine fand in 53 Prozent der Studien Hinweise auf Konkurrenz, die andere in 64 Prozent mögliche negative Wirkungen auf Wildbienen. Der NABU zählt in Europa 21 von 29 Studien mit negativen Effekten. Eine Untersuchung in Paris fand dort, wo viele Bienenvölker standen, weniger große Solitärbienen, Hummeln und Käfer an den Blüten.

Eine Übersicht für den deutschsprachigen Raum von Gratzer und Brodschneider (2023) mahnt zur Vorsicht beim Lesen: Viele Studien zeigen Zusammenhänge, nicht Ursachen; dass sich Honig- und Wildbienen dieselben Blüten teilen – in einer deutschen Studie waren es 45,5 Prozent der Pollen- und Nektarpflanzen –, ist noch kein Beleg für einen Schaden. Studien, die eine Konkurrenz finden, werden zudem leichter veröffentlicht als solche ohne Befund. Am deutlichsten sind die Belege für Hummeln. Und der größere Faktor für den Rückgang der Wildbienen ist der Verlust von Lebensraum: von Blühflächen und Nistplätzen.

Unser Fazit: Honigbienen sind nicht das Hauptproblem der Wildbienen. Wo Blüten knapp sind und viele Völker stehen, können sie aber eines sein – und das betrifft gerade den Hochsommer.

Wie viele Völker verträgt eine Landschaft?

Dafür gibt es keinen Grenzwert, nur Faustregeln. Der NABU empfiehlt in seinem Standpunkt von 2024, dass in Naturschutzgebieten und in einem Radius von zwei Kilometern um sie herum höchstens drei Völker je Quadratkilometer stehen – gezählt werden alle Bienenstände zusammen. Die zwei Kilometer sind also ein Streifen rund um das Schutzgebiet, in dem dieselbe Grenze gilt.

Zum Vergleich nennt der NABU zwei Zahlen: Im Durchschnitt stehen in Deutschland schon heute 2,78 Völker je Quadratkilometer – knapp unter der empfohlenen Grenze. Die ursprüngliche Dichte wild lebender Honigbienen in Europa schätzt er auf 0,1 bis 1 Volk je Quadratkilometer, also auf ein Drittel bis ein Dreißigstel davon.

Die Empfehlung gilt für Naturschutzgebiete. Landschaftsschutzgebiete, Vogelschutzgebiete und FFH-Gebiete sind etwas anderes: Sie haben eigene Schutzziele und meist weniger strenge Regeln. Auf der Gemarkung Winterbach liegt ein Naturschutzgebiet, die Hirschäcker südlich der Rems; die Zone von zwei Kilometern um sie herum reicht über den Ort und das Remstal bis an den unteren Hungerberg. Am Hungerberg selbst liegt kein Naturschutzgebiet, aber ein Vogelschutzgebiet, ein Landschaftsschutzgebiet, Naturdenkmale, geschützte Biotope und Magerwiesen – Flächen, für die wir dieselbe Vorsicht für angebracht halten. Entscheidend ist dabei weniger die Zahl im Jahresmittel als das, was im Hochsommer blüht: Ein Völkerbestand, der im Mai keinem auffällt, kann im August zu viel sein.

Krankheiten

Honigbienen und Wildbienen teilen sich nicht nur Blüten, sondern auch Krankheitserreger. Eine Studie aus der Nordschweiz (Maurer u. a. 2024) fand in Honigbienen im Mittel mehr als zehnmal so hohe Virusmengen wie in Wildbestäubern. Wildbienen, die besonders viele Blüten mit Honigbienen teilten, trugen mehr Viren. Wo es in der Landschaft mehr bestäuberfreundliche Lebensräume gab, waren die Wildbestäuber seltener infiziert – weil sie dann weniger auf dieselben Blüten angewiesen waren. Ein Nachweis von Viren ist noch kein Schaden; wie stark Wildbienen darunter leiden, ist für viele Arten offen. Als Risiko gilt die Übertragung aber als gut belegt. Gesunde Völker sind deshalb auch Naturschutz.

Und die Schmetterlinge?

Für Wildbienen gibt es inzwischen viele Studien, die eine Konkurrenz mit Honigbienen zeigen. Für Tagfalter ist das nicht belegt: In Paris fanden die Forschenden bei vielen Bienenvölkern weniger große Solitärbienen, Hummeln und Käfer an den Blüten, aber keinen Unterschied bei Faltern und Schwebfliegen. Falter saugen eher dünneren Nektar als Bienen, nutzen also nur zum Teil dieselben Blüten, und ihr Engpass ist meist die Futterpflanze der Raupe. Für Falter ist eine Verdrängung nicht belegt, aber wir werden beginnen, dies auszuwerten.

Wo Wildbienen am Hungerberg und an der Rems nisten

Blüten allein reichen nicht. Eine Wildbiene braucht ihr Nest und ihre Blüten nahe beieinander – innerhalb der wenigen hundert Meter, die sie fliegen kann. Drei Viertel der Wildbienenarten nisten im Boden, die übrigen in Hohlräumen über der Erde. Am Hungerberg und an der Rems gibt es beides:

  • Offener, sonniger Boden. Schütter bewachsene Stellen an Wegrändern und Böschungen, Trittstellen, Abbruchkanten, sandige oder lehmige Wegeinschnitte. Hier graben Sand- und Furchenbienen ihre Gänge. Je sonniger und trockener, desto besser.
  • Steilwände in Hohlwegen und Steinbrüchen. Senkrechte, unbewachsene Lehm- und Sandsteinwände werden von Arten genutzt, die sich waagrecht in die Wand graben. Die Hohlwege am Hungerberg und der ehemalige Stubensandstein-Bruch sind solche Orte. → Hohlwege und Steinbrüche
  • Trockenmauern und Lesesteinriegel. In den Fugen der alten Weinbergmauern nisten Mauerbienen, und die Steine speichern Wärme.
  • Totholz und alte Obstbäume. Käferbohrlöcher in abgestorbenem Holz nutzen kleine Arten als fertige Gänge; größere wie die Holzbienen nagen sich selbst in morsches Holz. Streuobstwiesen mit alten Bäumen bieten beides.
  • Markhaltige und hohle Stängel. In dürren Brombeer-, Holunder- und Königskerzenstängeln bauen Keulhorn- und Maskenbienen ihre Nester. Wer Säume über den Winter stehen lässt, lässt diese Brut leben.

Welche Stellen das am Hungerberg sind, lässt sich in der Geschichte-Karte erahnen: Hohlwege, Naturdenkmale wie der Steinbruch und die Wegböschungen, die alten Spuren am Hang. Wo genau Wildbienen nisten, haben wir nicht kartiert. → Geschichte-Karte mit Hohlwegen und Naturdenkmalen · → Wald oder Wiese?

Was hilft

Das Gute: Was Wildbienen hilft, schadet Honigbienen nicht. Mehr Blüten im Hochsommer entlasten alle.

Für alle, die eine Wiese, einen Garten oder einen Rain haben:

  • Magerwiesen spät und abschnittsweise mähen, damit im Hochsommer etwas blüht und immer ein Teil stehen bleibt.
  • Späte Blüher fördern: Natternkopf, Wilde Möhre, Flockenblumen, Glockenblumen, Dost, Wegwarte – und den Efeu im Herbst blühen lassen.
  • Offene, sonnige Bodenstellen, Totholz, alte Mauern und dürre Stängel über den Winter stehen lassen.
  • Raupenfutterpflanzen wie Brennnessel und Wiesenkräuter nicht überall entfernen.

Für Imkerinnen und Imker:

  • Die Zahl der Völker am Blühangebot im Hochsommer ausrichten, nicht am Frühjahr.
  • In der Nähe von Naturdenkmalen, Magerwiesen und anderen empfindlichen Flächen zurückhaltend aufstellen.
  • Völker gesund halten und beobachten; das schützt auch die Wildbestäuber.
  • Selbst Blüten schaffen: Wer Bienen hält, kann am Stand und darum herum für Blühangebot und Nistplätze sorgen.

Was man kennt und schätzt, das schützt man. Wir möchten mit der Zeit selbst beobachten, wer im Hochsommer an den letzten Blüten des Hungerbergs fliegt – Honigbienen, Wildbienen, Hummeln, Falter – und berichten, was wir sehen. → Tiere und Pflanzen an der Rems

Häufige Fragen

Verdrängen Honigbienen die Wildbienen?

Nicht überall und nicht immer. Wo viel blüht, reicht es für alle. Wo Blüten knapp sind und viele Völker stehen, zeigen viele Studien weniger Wildbienen und Hummeln an den Blüten. Der wichtigste Grund für den Rückgang der Wildbienen bleibt der Verlust von Blühflächen und Nistplätzen.

Wie weit fliegt eine Honigbiene?

Im Mittel im Frühjahr knapp 500 Meter, im Hochsommer über zwei Kilometer, im Herbst knapp 1.300 Meter; einzelne Bienen fliegen deutlich weiter. Je weniger blüht, desto weiter fliegen sie.

Wie weit fliegt eine Wildbiene?

Kleine Arten meist nur wenige hundert Meter, große Arten bis etwa einen Kilometer. In einem Versuch baute eine Mauerbiene schon bei 150 Metern mehr Weg fast ein Viertel weniger Brutzellen.

Wie viele Bienenvölker sind zu viele?

Einen festen Grenzwert gibt es nicht. Der NABU empfiehlt für Naturschutzgebiete und einen Radius von zwei Kilometern um sie herum höchstens drei Völker je Quadratkilometer, alle Bienenstände zusammen. Im Durchschnitt stehen in Deutschland schon 2,78 Völker je Quadratkilometer. Entscheidend ist, was im Hochsommer blüht.

Hilft es den Wildbienen, wenn ich Honigbienen halte?

Nein, Honigbienen sind Nutztiere und keine Hilfe für Wildbienen. Wer Wildbienen helfen will, sorgt für Blüten im Sommer und für Nistplätze: offenen Boden, Totholz, Stängel und Mauern.

Schaden Honigbienen den Schmetterlingen?

Das ist nicht belegt. Eine Studie in Paris fand bei vielen Bienenvölkern keinen Unterschied bei Faltern. Für Falter ist meist die Futterpflanze der Raupe der Engpass. Wir werden beginnen, das am Hungerberg auszuwerten.

Wo nisten Wildbienen?

Drei Viertel der Arten im Boden, an offenen, sonnigen Stellen. Die übrigen in Totholz, Stängeln, Mauerfugen und Steilwänden. Nest und Blüten müssen nahe beieinander liegen.

Quellen

  • Couvillon, Schürch & Ratnieks (2014): Waggle dance distances as integrative indicators of seasonal foraging challenges, PLoS ONE 9: e93495
  • Zurbuchen u. a. (2010): Long foraging distances impose high costs on offspring production in solitary bees, Journal of Animal Ecology 79; Zurbuchen u. a. (2010): Maximum foraging ranges in solitary bees, Biological Conservation 143
  • Gratzer & Brodschneider (2023): Die Konkurrenz von Honigbienen und Wildbienen im kritischen Kontext und Lektionen für den deutschsprachigen Raum, Entomologica Austriaca 30: 247–285 (darin Mallinger u. a. 2017, Iwasaki & Hogendoorn 2022)
  • NABU: Standpunkt Honigbienen und Wildbienen, 07.03.2024
  • LUBW: Naturschutzgebiete und Vogelschutzgebiete (Grundlage: Daten aus dem UIS der LUBW, Abfrage 03.10.2026), eigene Auswertung der 2-km-Zone
  • Ropars u. a. (2019): Wild pollinator activity negatively related to honey bee colony densities in urban context, PLoS ONE 14: e0222316
  • Maurer u. a. (2024): Species traits, landscape quality and floral resource overlap with honeybees determine virus transmission in plant–pollinator networks, Nature Ecology & Evolution
  • Kim, Gilet & Bush (2011): Optimal concentrations in nectar feeding, PNAS 108
  • Westrich (2018): Die Wildbienen Deutschlands, Ulmer
  • BUND: Wildbienen-Nisthilfe – Anleitung, Materialien, Tipps („Drei Viertel der Wildbienen nisten im Boden“), abgerufen 03.10.2026
  • Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG): Bienenweiden – Nachlassen der Blühleistung ab Ende Juni
  • Timberlake u. a. (2019): Phenology of farmland floral resources reveals seasonal gaps in nectar availability for bumblebees, Journal of Applied Ecology 56
  • Blühkalender Gegend Böhnlöchle: eigene Erhebung

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle