Remswelle

Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte

Becken, Seen und Tümpel

Was in Winterbach Wasser zurückhält – und was nur so aussieht

Wer an Starkregen und Hochwasser denkt und dann auf eine Wasserfläche schaut, denkt schnell: Da kann das Wasser ja hin. Das stimmt aber nur, wenn dort Platz ist. Ein Becken, das schon voll Wasser steht, nimmt nichts mehr auf – genau wie eine volle Regentonne, das kennen wir vom Winterbacher Zisternen-Paradox. Wir haben alle größeren Wasserflächen auf der Winterbacher Gemarkung mit dem Geländemodell des Landes durchgesehen: Wo liegt der Wasserspiegel, wie viel Raum ist darüber, und kommt bei Hochwasser überhaupt Wasser hin?

Die größeren Wasserflächen auf der Winterbacher Gemarkung (orange, mit Buchstaben wie in der Tabelle) und die Fläche, die …
Die größeren Wasserflächen auf der Winterbacher Gemarkung (orange, mit Buchstaben wie in der Tabelle) und die Fläche, die bei einem hundertjährlichen Hochwasser der Rems überflutet würde (hellblau). Becken von Kläranlagen sind nicht eingezeichnet.

Die Wasserflächen im Überblick

WasFlächeWasserspiegel bzw. SohleBei Hochwasser
ABaggerseen an der Rems, ehemalige Kiesgrube der Firma Uetz Straßenbau (drei Becken)rund 4.000 + 1.100 + 900 m²rund 238–239 m, auf Höhe der Remsim Hochwassergebiet; schon voll – nur der Raum über dem Wasserspiegel zählt
BTeich bei der Hebsacker Brückerund 490 m²rund 237 mim Hochwassergebiet; schon voll
CWeihersee am Monopterosrund 460 m²rund 308 mam Hang; Teich in der Grünanlage, kleiner Puffer
DLehenbachstauseeDauerstau rund 15.700 m²rund 261,4 mRückhaltebecken: rund 452.000 m³ Platz über dem Dauerstau
ETümpel und Biotop am Stauseeklein–Lebensraum, kein nennenswerter Rückhalt
FBecken am Waldsportplatzrund 1.200 m²rund 343 mam Hang; stand bei der Messung voll, Zweck uns nicht bekannt
GAuffangbecken an der Bahnunterführungrund 330 m², bis 1,3 m tiefSohle rund 246 mknapp außerhalb der Hochwasserflächen; bei der Messung trocken, fasst rund 250 m³

So lesen Sie die Tabelle: Die Flächen und Höhen stammen aus dem Geländemodell des Landes, einer Laserbefliegung aus der Luft. Wo Wasser steht, misst der Laser die Wasseroberfläche, nicht den Grund – deshalb sehen wir, ob ein Becken voll war, aber nicht, wie tief es ist. „Im Hochwassergebiet“ heißt: Bei einem Hochwasser, wie es im Mittel einmal in hundert Jahren vorkommt, stünde dort Rems-Wasser.

Alle Wasserflächen, die Bäche und die Quellen zeigt unsere Gewässer-Karte. Die Buchstaben in der Karte gehören zur Tabelle.

Was zählt: der Platz über dem Wasserspiegel

Ein Becken hält bei Hochwasser nur so viel zurück, wie zwischen seinem Wasserspiegel und dem Hochwasserspiegel Platz ist. Bei den Baggerseen an der Rems (A) und beim Teich an der Hebsacker Brücke (B) liegt der Wasserspiegel auf der Höhe der Rems. Sie hängen am Grundwasser der Aue, das mit dem Fluss steigt und fällt. Wenn die Rems über die Ufer tritt, sind sie längst voll. Dann wirkt nur noch der Uferstreifen über dem Wasserspiegel – und der würde genauso wirken, wenn dort eine Wiese läge. Als Rückhalt zählen diese Seen also kaum.

Wertlos sind sie deshalb nicht. Stillgewässer in der Aue sind Lebensraum für Libellen, Amphibien und Wasservögel, und eine ehemalige Kiesgrube kann ein wertvolles Biotop werden. Man sollte nur nicht glauben, dass sie die Ortsmitte vor Hochwasser schützen.

Der Lehenbachstausee – das eine große Becken

Das einzige Becken auf der Gemarkung, das bei Starkregen wirklich viel Wasser aufnehmen kann, ist der Lehenbachstausee (D). Er wurde 1963/64 gebaut, mit einem 18 Meter hohen Erddamm. Das Luftbild von 1953 zeigt das Tal davor: Wiesen, Obstbäume, der Bach. Fünfzehn Jahre später steht der Damm.

Luftbild heute: der Lehenbachstausee mit Dauerstau und Damm, der Ort ist bis an den Wald herangewachsenLuftbild 1953: das Lehenbachtal südlich von Winterbach vor dem Bau des Stausees, mit Wiesen, Obstbäumen und dem Bach
Links das Lehenbachtal 1953, vor dem Bau des Stausees, rechts das Luftbild von heute mit dem Dauerstau, dem Damm und dem Ort, der bis an den Wald herangewachsen ist. Regler ziehen.
Das Lehenbachtal 1968, wenige Jahre nach dem Bau: Der Damm quert das Tal, dahinter der See. Luftbild LGL-BW.
Das Lehenbachtal 1968, wenige Jahre nach dem Bau: Der Damm quert das Tal, dahinter der See. Luftbild LGL-BW.

Auch der Stausee hat einen Dauerstau: einen See, der immer gefüllt ist und als Fischteich genutzt wird. Für den Hochwasserschutz zählt nur der Raum darüber. Wir haben ihn aus dem Geländemodell nachgerechnet: Steigt das Wasser vom Dauerstau bei rund 261,4 Metern um gut neun Meter auf rund 271 Meter, fasst das Becken rund 450.000 Kubikmeter. Das passt zur amtlichen Angabe von 452.000 Kubikmetern.

Wie viel Wasser der Lehenbachstausee über seinem Dauerstau aufnehmen kann, nach dem Wasserspiegel
Wie viel Wasser der Lehenbachstausee über seinem Dauerstau aufnehmen kann, nach dem Wasserspiegel. Eigene Auswertung des Geländemodells.

So lesen Sie die Grafik: Unten steht, wie hoch das Wasser im Becken steigt, links, wie viel es dann zurückhält. Der schmale blaue Balken links ist der Dauerstau – dieses Wasser ist immer da und zählt nicht. Die Kurve steigt erst langsam und dann immer steiler, weil das Tal nach oben breiter wird: Die ersten anderthalb Meter über dem Dauerstau fassen nur rund 30.000 Kubikmeter, die zwei Meter zwischen 269 und 271 Metern dagegen rund 175.000. Die gestrichelte Linie ist die amtliche Angabe.

Wie viel das ist, zeigt ein Vergleich: Ein Starkregen von 40 Litern je Quadratmeter bringt auf die 5,8 Quadratkilometer oberhalb des Damms rund 230.000 Kubikmeter. Das Becken kann ihn aufnehmen, wenn es vorher leer ist. Unterhalb des Damms läuft das Wasser aber nicht mehr durch den See. → Starkregen in Winterbach

Ausgleich: wenn im Hochwassergebiet gebaut wird

Wer im Überschwemmungsgebiet baut, nimmt dem Fluss Platz weg. Das Wasserhaushaltsgesetz (§ 78) verlangt deshalb einen Ausgleich, und zwar, wie es das Landratsamt Rems-Murr-Kreis formuliert, „umfang-, funktions- und zeitgleich“: genauso viel Raum, an einer Stelle, wo er bei Hochwasser genauso wirkt, und zur selben Zeit. Der Ausgleich muss also schon da sein, wenn gebaut wird.

Damit nicht jeder Bauherr selbst ein Becken graben muss, können Gemeinden in Baden-Württemberg ein Hochwasserschutzregister führen (§ 65 Wassergesetz). Das funktioniert wie ein Konto: Die Gemeinde schafft vorab Rückhalteraum – eine Flutmulde, eine Abgrabung, eine Aue, die wieder überflutet werden darf –, trägt das Volumen ins Register ein, und wer baut, bucht die benötigten Kubikmeter ab – und bezahlt dafür: Er erstattet der Gemeinde seinen Anteil an den Kosten, die ihr der Rückhalteraum verursacht hat. Den Ausgleich gibt es also nicht umsonst, und er wird tatsächlich geschaffen – nur gebündelt und vorab, dort, wo er am besten wirkt. Rudersberg im Wieslauftal hat dafür zum Beispiel eine Satzung. Angerechnet werden nur Maßnahmen, die nach dem 22. Dezember 2013 entstanden sind.

Aus unserer Durchsicht der Becken folgt eine einfache Regel für jeden Ausgleich: Er wirkt nur mit dem Raum, der bei Hochwasser noch leer ist. Eine Abgrabung, die sich mit Grundwasser füllt, ist ein schöner Teich – aber bei Hochwasser schon voll. Eine flache Mulde, die bei normalem Wasserstand trocken liegt und erst bei Hochwasser vollläuft, hält dagegen jeden Kubikmeter zurück, für den sie gebaut ist. Das ist derselbe Unterschied wie zwischen einer Nutzungszisterne und einer Retentionszisterne.

Hochwasserlinien können sich übrigens auch verschieben: Laut der Begründung zum Bebauungsplan „Riedwiesen“ hat sich die Linie des hundertjährlichen Hochwassers dort 2020 nach Norden verschoben, weil das Rückhaltebecken Urbach-Plüderhausen in Betrieb ging – was oberhalb zurückgehalten wird, kommt unten nicht an.

Kleine Becken, kleine Wirkung – und trotzdem wichtig

Das Auffangbecken an der Bahnunterführung (G) war bei der Laserbefliegung trocken und kann rund 250 Kubikmeter aufnehmen. Über die Oberfläche fließt ihm laut Geländemodell kaum Wasser zu: Bahndamm, Sportgelände und Straße schirmen es ab. Wenn es eine Aufgabe hat, bekommt es sein Wasser vermutlich über ein Rohr oder einen Graben – etwa aus der Entwässerung von Straße oder Unterführung. Das sieht man im Geländemodell nicht; wir schauen es uns vor Ort an.

Das Becken am Waldsportplatz (F) stand bei der Messung voll. Wozu es angelegt wurde, wissen wir nicht – Löschteich, Biotop oder Rückhalt sind denkbar. Der Weihersee (C) ist ein Teich in einer Grünanlage. Und die Tümpel am Stausee (E) sind vor allem eines: Lebensraum.

Zum Vergleich: Ein Gewitter mit 30 Millimetern bringt auf einen Quadratkilometer 30.000 Kubikmeter. Kleine Becken wie G nehmen davon einen Bruchteil auf. Was in der Fläche wirkt, ist der Boden – Wiesen, Wald, Streuobst und Gärten, die Regen versickern lassen. → Schwammlandschaft Winterbach

Häufige Fragen

Was ist der Kiessee Uetz?

Ein Baggersee an der Rems östlich des Remswehrs, eine ehemalige Kiesgrube der Firma Uetz Straßenbau. Sein Wasserspiegel liegt auf Höhe der Rems; bei Hochwasser ist er deshalb schon voll und hält kaum zusätzliches Wasser zurück.

Hält der Lehenbachstausee jeden Starkregen zurück?

Er fasst rund 452.000 Kubikmeter über seinem Dauerstau – genug für einen Starkregen von 40 Litern je Quadratmeter auf sein Einzugsgebiet, wenn er vorher leer ist. Für das Gebiet unterhalb des Damms, also große Teile des Orts, hilft er nicht.

Warum zählt ein voller See nicht als Rückhalt?

Weil Wasser nur dorthin kann, wo Platz ist. Ein See, der vom Grundwasser oder dauerhaft gefüllt ist, hat bei Hochwasser nur den Raum über seinem Wasserspiegel – nicht mehr als eine Wiese an derselben Stelle.

Was ist ein Hochwasserschutzregister?

Ein Konto, auf dem eine Gemeinde vorab geschaffenen Rückhalteraum verbucht. Wer im Überschwemmungsgebiet baut, kann den nötigen Ausgleich davon abbuchen und erstattet anteilig die Kosten (§ 65 Wassergesetz Baden-Württemberg).

Warum sind die Kläranlagenbecken nicht eingezeichnet?

Weil sie technische Anlagen sind, die Abwasser reinigen. Sie sind ständig gefüllt und nicht für den Hochwasserrückhalt da.

Quellen: Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg (LGL-BW, 2026), Digitales Geländemodell DGM1 und DGM025, Luftbilder 1953, 1968 und DOP20 (Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0); eigene Auswertung · Wasserflächen: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL), Abfrage 14.10.2026 · Hochwassergefahrenkarten: LUBW · LUBW, Anlagenverzeichnis (Lehenbachstausee, 452.000 m³) · Landratsamt Rems-Murr-Kreis, Amt für Umweltschutz, Merkblatt „Bauen im Überschwemmungsgebiet“ (Stand 30.04.2020) · Land Baden-Württemberg, „Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Thema Bauen im Überschwemmungsgebiet“ (Februar 2019) · Gemeinde Rudersberg, Satzung über das Führen eines Hochwasserschutzregisters (2019) · Gemeinde Winterbach, Begründung zum Bebauungsplan „Riedwiesen“ · → Hochwasserschutz an der Rems

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle