Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte
Der historische Remslauf in Winterbach
Wie floss die Rems in Winterbach, bevor sie in den 30er- und 50er-Jahren korrigiert wurde? Die württembergische Flurkarte von 1832 und ein Luftbild von 1968 geben darauf eine anschauliche Antwort. Beide gibt es beim Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung genau eingemessen, sodass sie sich deckungsgleich über ein Luftbild von heute legen lassen. Wir haben den Remslauf von 1832 nachgezeichnet. Das Ergebnis: Die Rems floss schon damals durch denselben Talabschnitt – aber in mehr Windungen, und neben ihr lief ein Mühlkanal, den es heute nicht mehr gibt.


Was die Flurkarte von 1832 zeigt
Unterhalb des Ortskerns, Richtung Remshalden, lag die Rems 1832 fast schon dort, wo sie heute fließt, allerdings mit kleinen Bögen. Oberhalb des Ortskerns sah es anders aus: Zwischen dem Ort und der heutigen Brücke Ostlandstraße machte der Fluss eine zusätzliche Schleife nach Norden, die heute fehlt. Die große Biegung am Remsknie gab es damals schon.
Neben der Rems zeigt die Karte einen zweiten Wasserlauf: den Mühlkanal. Er zweigte in der Biegung vor dem Remsknie von der Rems ab – ungefähr dort, wo heute das kleine Wehr liegt –, lief südlich von ihr durch die Wiesen und mündete am Ortsrand wieder in den Fluss. An ihm lag die Mühle, die die Oberamtsbeschreibung von 1851 als „eine sehr bedeutende Mahl- und Gyps-Mühle an einem Remskanal“ beschreibt. Der Flurname Mühlbachäcker, der auf der Karte direkt am Kanal steht, erinnert daran. Im heutigen Luftbild ist von diesem Kanal nichts mehr zu sehen – und auch nicht im Geländemodell des Landes, das den Boden bis auf wenige Zentimeter genau zeigt: Kanal und Altarme sind eingeebnet und überbaut, das Sportzentrum steht auf der Trasse. Anders als die alten Weinbergstreifen am Hungerberg hat die Aue ihr Gedächtnis verloren. → Spuren im Hungerberg → Die Rems im Wandel


1968: die Rems im Trapezprofil
Das Luftbild von 1968 zeigt die Rems nach den Gewässerkorrektionen: ein gerader, gleichmäßig breiter Kanal mit Böschungen und breiten Vorländern, vom Ortskern bis zum Remsknie. Die Schleife oberhalb des Ortskerns ist verschwunden, der Fluss läuft auf kürzestem Weg. Südlich des Flusses ist eine größere Grube mit Wasser zu erkennen. Eine Brücke an der Stelle der heutigen Ostlandstraße ist nicht zu sehen; das Durchlassbauwerk des Hochwasserrückhaltebeckens entstand erst 2002 bis 2005.


Was sich verändert hat – und was nicht
Verändert hat sich vor allem die Form: Aus einem gewundenen Fluss mit Mühlkanal wurde ein gerades Gerinne, das Hochwasser schneller abführen sollte. Heute säumen Bäume und Gehölze die Ufer, an der Brücke Ostlandstraße steht das Durchlassbauwerk des Rückhaltebeckens. Gleich geblieben ist die Lage im Tal: Die Rems wurde bei Winterbach nicht an eine ganz andere Stelle verlegt, sondern begradigt und in ein festes Bett gefasst. Unterhalb des Orts wurde ein Abschnitt 2018 wieder renaturiert. → Renaturierung Winterbach · → Hochwasserschutz an der Rems
Flurnamen am Remsknie
Rund um das Remsknie erzählen die Flurnamen im Liegenschaftskataster bis heute vom Mühlkanal: Wehräcker und Wehrwäsle liegen an der Stelle, wo der Kanal abzweigte, Mühlbachäcker und das Mittlere und Obere Mühlfeld an seinem Lauf. Pfingstwasen und Steinwasen am Nordufer waren nasse Weiden, die Riedwiesen weiter südlich erinnern an Schilf und Sumpf. Die ganze Aue bis zur Hebsacker Brücke zeigt die Karte unten; was die Namen bedeuten, erklären wir bei der Renaturierung. → Was die Flurnamen erzählen

Vision: den Mühlkanal wieder erleben
Vision der Initiative – keine Planung. Der alte Mühlkanal ist aus dem Ortsbild verschwunden, doch seine Spur lässt sich noch finden: vom Abzweig beim Vogelturm über die Mühlwasen bis zur Remsmühle. Wir fänden es schön, ihn zumindest teilweise wieder erlebbar zu machen. Denkbar sind drei Stufen:
- Die Spur sichtbar machen. Ein Band im Pflaster oder Rasen, ein paar Tafeln und vielleicht ein kurzes Stück Rinne zeigen, wo der Kanal verlief – etwa entlang unserer Mühlenrunde. Das ist vergleichsweise günstig und braucht kein Wasser. → Spazierwege an der Remswelle
- Ein offenes Wasserband mit Regenwasser. Statt Regenwasser in den Kanal zu leiten, könnte es in einer offenen Rinne entlang der alten Kanalspur fließen, versickern und verdunsten. Das ist das Prinzip der „Schwammstadt“, die das Umweltbundesamt empfiehlt: Die Stadt soll Regen aufnehmen, speichern und verzögert wieder abgeben – das kühlt an heißen Tagen und puffert Starkregen. → Kühle Luft für Winterbach
- Ein echter Kanal mit Wasser aus der Rems. Das wäre die schönste und zugleich schwierigste Variante. Die Rems führt im Sommer oft weniger als 1 m³/s, der mittlere Niedrigwasserabfluss liegt bei rund 0,95 m³/s – jede Ausleitung braucht eine wasserrechtliche Erlaubnis und muss genug Wasser im Fluss lassen. Dazu kommen Hochwasserschutz, Unterhaltung und Kosten. → Wasserführung der Rems Unser Traum, zugegeben mit einem Augenzwinkern: nach der Session am Remswehr aufs Board legen und sich im Mühlkanal gemütlich zurück in den Ort treiben lassen. Ob das je geht, weiß niemand – aber die Richtung würde schon mal stimmen.
Was andere gemacht haben. In Leipzig wurde der Elstermühlgraben, ein alter Mühlgraben, um 1960 weitgehend unter die Erde verlegt; seit 2004 legt die Stadt den fast einen Kilometer langen unterirdischen Abschnitt in Etappen wieder offen. In Süßen im Kreis Göppingen wurde der Mühlkanal 2017/18 naturnah umgestaltet: Betonwände kamen weg, Ufer und Pflanzen kamen zurück, und der Kanal wurde Teil eines Begegnungsparks. Zürich verfolgt seit 1988 ein Bachkonzept: Von den heute rund 40 Kilometern offener Bäche im Siedlungsgebiet wurde etwa die Hälfte wieder offengelegt.
Was das für die Remswelle heißt
Der Standort der Welle an der Brücke Ostlandstraße liegt dort, wo die Rems auch 1832 schon floss – an einem Fluss, der seit Generationen genutzt, umgebaut und zuletzt wieder ein Stück zurückgegeben wurde. Eine Welle würde an diesem technisch geprägten Ort nichts Ursprüngliches zerstören, sie muss sich aber an dem messen lassen, was heute zählt: Hochwasserschutz, Durchgängigkeit für Fische und ein Fluss, an dem man gern ist. → Standort Winterbach · → Quellen und Hangwasser
So sind die Bilder entstanden
Flurkarte und Luftbilder stammen aus den Kartendiensten des Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg (LGL): die historische Flurkarte Württemberg 1:2500, deren Erstdrucke zwischen 1818 und 1840 entstanden (Blatt Winterbach: Stand 1832), das Luftbild der Landesbefliegung 1968 und das aktuelle digitale Orthophoto. Alle drei sind genau eingemessen; wir haben für jede Zeitebene denselben Ausschnitt abgerufen. Den Remslauf und den Mühlkanal von 1832 haben wir auf der Flurkarte von Hand nachgezeichnet und in das heutige Luftbild übertragen. Die Daten stehen unter der Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0.
Häufige Fragen
Wurde die Rems in Winterbach verlegt?
Nach dem Kartenvergleich nicht an eine ganz andere Stelle. Sie floss 1832 im selben Talabschnitt, aber mit mehr Windungen. Bei den Korrektionen im 20. Jahrhundert wurde sie begradigt, eine Schleife oberhalb des Ortskerns verschwand, und der Mühlkanal wurde aufgegeben.
Gab es in Winterbach einen Mühlkanal?
Ja. Die Flurkarte von 1832 zeigt einen Kanal, der in der Biegung vor dem Remsknie, ungefähr beim heutigen kleinen Wehr, von der Rems abzweigte und am Ortsrand wieder in sie mündete. 1851 wird dort eine „sehr bedeutende Mahl- und Gyps-Mühle an einem Remskanal“ beschrieben.
Hat das kleine Wehr vor dem Remsknie mit dem Mühlkanal zu tun?
Vermutlich. Der Mühlkanal zweigte 1832 ungefähr dort von der Rems ab, wo heute die kleine Schwelle liegt, und daneben steht der Flurname „Wehräcker“. Dass die Schwelle auf das alte Mühlwehr zurückgeht, ist aber nicht belegt – das ist unsere Einschätzung aus dem Kartenvergleich.
Gab es das Remsknie schon früher?
Ja, die große Biegung der Rems am Remsknie ist schon auf der Flurkarte von 1832 zu sehen.
Darf man die Karten verwenden?
Die Karten und Luftbilder des LGL stehen unter der Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0. Mit dem Vermerk „LGL-BW (Jahr), Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0, www.lgl-bw.de“ dürfen sie verwendet werden.
Quellen: Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg (LGL-BW, 2026), WMS „Historische Flurkarte Württemberg 1:2500“ (Blatt NO XXVIII 29, Stand 1832; Original im Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 68 VI Nr 2356), WMS „Historische Digitale Orthophotos 1960–1969“ (Befliegung 1968) und WMS „ATKIS Digitale Orthophotos 20 cm“, jeweils Datenlizenz Deutschland – Namensnennung – Version 2.0 · Beschreibung des Oberamts Schorndorf, 1851 (Wikisource), Kapitel B 27 (Winterbach) · Regierungspräsidium Stuttgart, „Die Rems fließt wieder“, 19.12.2018 · Wikipedia, „Hochwasserrückhaltebecken Schorndorf-Winterbach“ · heutiger Remslauf: © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL) · Nachzeichnung und Auswertung: Initiative Remswelle · Foto Remsmühle: Initiative Remswelle (2026) · Mühlkanal-Vision: Wikipedia, „Elstermühlgraben (Leipzig)“; Stadt Süßen, „Renaturierung Mühlkanal“ (2018); Stadt Zürich, „Bäche in Zürich“; Umweltbundesamt, „Schwammstadt – Zukunftskonzept für klimaresiliente und lebenswerte Städte“
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle