Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte
Das Rätsel der Floßgasse
Irgendwo im alten Winterbacher Mühlwehr gab es eine Öffnung, durch die bei jeder Trift das Wasser schoss und das Holz hindurchtrieb: die Floßgasse. Sie ist der spannendste Ort unserer ganzen Spurensuche – denn wenn irgendwo an der Rems bei Triftwasser eine stehende Welle stand, dann am ehesten hier, wo viel Wasser durch eine enge Passage musste. Das Problem: Niemand weiß heute, wie die Gasse aussah. Die gute Nachricht: Die Akten dazu existieren. Dies ist Kapitel 3 unserer Spurensuche → Die vergessene Welle von Winterbach.
Spur 1: Eine Erwähnung von 1660
Die älteste Spur führt tief ins 17. Jahrhundert: Von der Winterbacher Floßgasse ist 1660 in den Akten die Rede – Jahrzehnte vor dem Beginn der regelmäßigen Trift. Das passt zur Müllerordnung von 1627, die für die Mühlwehre der Rems bereits „Flotz-Gassen" voraussetzt. Winterbach hatte seine Gasse also früh – vermutlich, weil hier mit der Remsmühle am Mühlkanal eine der bedeutenden Mühlen des Tals lag. → Historischer Remslauf
Spur 2: Das Inventar von 1736
Als die Rentkammer 1736 eine „beständige Flößerei" einrichten ließ, bereiste eine Kommission den Fluss und listete die vorhandenen Anlagen auf. An der Rems, flussaufwärts gezählt: Hauptrechen und Holzgarten zu Neckarrems, dann „Floßgassen bei Großheppach, Winterbach, Schorndorf, Plüderhausen und Waldhausen". Die Winterbacher Gasse war zu diesem Zeitpunkt keine Planung, sondern Bestand – sie wurde besichtigt und für den neuen Betrieb übernommen.
Spur 3: Eine Akte mit unserem Namen darauf
Beim Durchsuchen der Online-Findmittel des Landesarchivs Baden-Württemberg sind wir auf einen Eintrag gestoßen, der uns elektrisiert hat. Im Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand der württembergischen Holzverwaltungen, liegt unter der Signatur F 120 Bü 153 eine eigene Archivalieneinheit mit dem Titel:
„Floßgasse zu Winterbach" – Laufzeit 1799 und 1852, Umfang zwei Schriftstücke.
Zwei Schriftstücke sind nicht viel. Aber 1852 ist späte Betriebszeit – zehn Jahre vor dem Ende der Trift. Gut möglich, dass darin eine Zustandsbeschreibung steckt, eine Reparatur, vielleicht eine Skizze. Wir werden die Akte einsehen und berichten, was wir finden. Im selben Bestand liegen dicke Sammelakten „Beschreibung der Floßanstalten" (1833–1881) und „Untersuchung der Floßanstalten" (1754–1852) – auch dort könnte Winterbach auftauchen.
Spur 4: Die Vermessung von 1862
Die vielleicht beste Spur stammt ausgerechnet vom Ende der Flößerei. Als 1862 zum letzten Mal geflößt wurde, wollte der Staat sich alle Rechte offenhalten – und ließ „sämtliche Floßgassen sehr sorgfältig vermessen und aufzeichnen". Für die Mühlen der Nachbarorte sind solche Unterlagen mit Situationsplänen in den Findmitteln nachgewiesen: Schorndorf, Rudersberg, Plüderhausen, Haubersbronn, Großheppach, Beinstein, Waiblingen, Neckarrems. Der farbige Riss der Schorndorfer Floßgasse von 1862 ist in der Forschungsliteratur sogar abgebildet. Ob auch für Winterbach ein solcher Plan existiert, wissen wir noch nicht – in der entsprechenden Serie der Floßinspektion Welzheim fehlt ein Winterbach-Eintrag, was zu der Frage passt, ob die Gasse 1862 überhaupt noch in Betrieb war. Auch das kann die Akte von 1852 beantworten.
Wo saß die Gasse?
Die Floßgasse saß im Mühlwehr – aber wo stand das? Unsere bisherige Auswertung der Flurkarte von 1832 spricht dafür, dass das alte Winterbacher Mühlwehr dort lag, wo der Mühlkanal in der Biegung vor dem Remsknie von der Rems abzweigte – ungefähr an der Stelle der heutigen kleinen Schwelle, neben der die Flurnamen „Wehräcker" und „Wehrwäsle" liegen. 1960 wurde das alte Wehr im Zuge der Hochwasserfreilegung geschliffen und der Mühlkanal verfüllt. Wenn diese Einordnung stimmt, dann schoss das Triftwasser einst genau dort durch die Gasse, wo heute Spaziergänger an der kleinen Stufe stehen – und wo wir die vielen Stichlinge beobachten. Belegt ist die genaue Lage nicht; sie gehört zu den Dingen, die wir mit den Akten klären wollen. → Historischer Remslauf · → Hochwasserschutz an der Rems
Konnte dort eine Welle stehen?
Die Physik dahinter ist dieselbe wie bei jeder Flusswelle: Wo schnelles, flaches Wasser in langsames, tiefes übergeht, entsteht ein hydraulischer Sprung – und bei passender Geometrie eine stehende Welle. → So entsteht eine stehende Welle Eine Floßgasse bündelte bei Triftwasser erhebliche Wassermengen auf wenige Meter Breite, mit Gefälle über das Wehr. Ob daraus eine glatte Rutsche, eine kabbelige Schnelle oder eine echte Welle wurde, hängt an Details, die wir nicht kennen: Breite, Länge, Neigung, Unterwasserstand. Genau deshalb suchen wir die Pläne. Erst wenn eine Geometrie vorliegt, lässt sich rechnen – vorher wäre jede Aussage geraten, und raten tun wir auf diesen Seiten nicht.
Häufige Fragen
Was genau war eine Floßgasse?
Eine Öffnung im Mühlwehr – meist mit Schützbrettern verschließbar –, durch die das Triftholz samt Wasser am Wehr vorbeigeleitet wurde. Während der Trift wurden die Bretter gezogen, die Mühle stand still, und das Holz schoss mit dem Wasser durch die Gasse. An manchen Gassen stand ein Taglöhner, der Stauungen verhinderte.
Kann man die Akte einsehen?
Ja. Die Archivalieneinheit F 120 Bü 153 ist im Online-Findmittel des Landesarchivs Baden-Württemberg verzeichnet und kann im Staatsarchiv Ludwigsburg eingesehen oder als Reproduktion bestellt werden. Genau das haben wir vor – und berichten hier über das Ergebnis.
Warum ist die Floßgasse für die Remswelle interessant?
Nicht als Vorbild für die Technik – eine moderne Welle entsteht anders. Sondern als Geschichte: Sie zeigt, dass Winterbach schon einmal über Jahrhunderte eine bauliche Anlage im Fluss hatte, die die Kraft des Wassers nutzte. Und sie ist die konkreteste Stelle, an der die Frage „Gab es hier je eine Welle?" untersuchbar wird statt spekulativ zu bleiben.
Steht die heutige kleine Schwelle auf dem alten Wehr?
Das halten wir für plausibel, belegt ist es nicht. Die Flurkarte von 1832, die Flurnamen und die Lage des Mühlkanal-Abzweigs sprechen dafür. Klarheit können nur Akten und alte Baupläne bringen – auch dafür ist die Archivrecherche da. Wer alte Fotos oder Unterlagen vom Winterbacher Mühlwehr kennt, findet unsere Kontaktdaten im Impressum.
Quellen: Uwe Jens Wandel, „Zur Flößerei auf Rems und Wieslauf", in: Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 9 (1987), S. 177–195 (Erwähnung 1660, Inventar 1736, Vermessung nach 1862, Abb. des Schorndorfer Risses von 1862) · Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, F 120 Bü 153 „Floßgasse zu Winterbach", 1799/1852 (Permalink (öffnet in neuem Tab)); F 120 Bü 137/138 (Beschreibung und Untersuchung der Floßanstalten); F 119/2 Floßinspektion Welzheim, Rubrik „Mühlen, Wehre, Floßgassen" (Online-Findmittel, eingesehen 13.10.2026) · Flurkarte NO XXVIII 29 (1832), LGL-BW · → Historischer Remslauf
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle