Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte
Kühle Luft für Winterbach
Wer surft oder windsurft, beschäftigt sich zwangsläufig mit Wetter und Klima: Wind, Luftdruck, Temperatur und Strömungen entscheiden, ob es Wellen und Wind gibt – und wer sie gut lesen kann, hat mehr Tage auf dem Brett. Das begleitet uns auch zuhause. Deshalb schauen wir mit demselben Blick auf Winterbach: Wo fließt nachts die kühle Luft, wo staut sich die Hitze im Ort? Was uns dazu auffällt, schreiben wir hier auf.
In klaren, windstillen Sommernächten kühlen Wiesen, Felder und Wälder an den Hängen schnell ab. Die kalte Luft ist schwerer als die warme und fließt – ganz ähnlich wie Wasser – hangabwärts, sammelt sich in den Tälern und strömt durch sie hinunter ins Remstal. Wo sie in den Ort kommt, bringt sie nach einem heißen Tag Abkühlung. Wie das in Winterbach aussieht, zeigt der Klimaatlas Baden-Württemberg, den die Landesanstalt für Umwelt im Januar 2025 veröffentlicht hat. Er rechnet eine typische Sommernacht für das ganze Land durch. Das Raster des Modells ist grob; es taugt für Aussagen über Ortsteile und Täler, nicht über einzelne Häuser.
Drei Strömungen

Kaltluftleitbahn Lehenbachtal. Die Kaltluft strömt aus dem Lehenbachtal vom Schurwald herunter nach Norden in den Ort – vom Wald auf den Ort zu. Das Klimaatlas-Modell führt die Leitbahn bis kurz vor die alte Ortsmitte.
Kaltluftleitbahn bei Weiler. Sie bringt kühle Luft aus dem Tal am Schützenhaus Weiler ins Remstal und dreht dort nach Westen, Richtung Winterbach. Welchen Namen dieses Tal trägt, klären wir noch; der Bach dort heißt in den Karten Weilerbach. Gleich daneben, keine 700 Meter westlich, mündet das Bronnbachtal – das Tal unterhalb des Sterrenbergs, amtlich so benannt nach dem Landschaftsschutzgebiet „Stärrenberg-Bronnbachtal“. Der Klimaatlas weist dort keine eigene Leitbahn aus; das Gelände spricht aber dafür, dass auch aus ihm Kaltluft ins Remstal fließt, und unten im Tal laufen beide Ströme ohnehin zusammen (siehe „Woher die Kaltluft kommt“).
Hungerberg-Drop (flächenhafter Kaltluftabfluss vom Hungerberg). Auf der Nordseite gibt es keine einzelne Leitbahn: Vom Hungerberg fließt die Kaltluft breit über die ganze Hangfläche hinunter zur Rems.
Kaltluft kann man spüren. An einem Sommerabend merkt man sie an Armen und Beinen, wenn man aus dem Ort in eines der Täler oder an den Hang geht – oft ist es dort spürbar kühler. Wer es genauer wissen will, nimmt ein Thermometer mit auf den Spaziergang und notiert, wo es wie warm ist. Das ersetzt keine Messstation, macht die Strömungen aber greifbar. Warum das in manchen Nächten nicht klappt, erklären wir bei der „Stauwärme-Nacht“. → Wind und Wetter in Winterbach Neu ist die Idee übrigens nicht: Schon 1930 legte der Homöopathische Verein an der Höffenklinge ein Licht- und Luftbad an – kühle Hangluft, Quellwasser und Aussicht als Kur. → Quellen und Hangwasser
Wenn Täler Wind machen – was Surfer davon kennen
Dass Täler Luft nicht nur aufnehmen, sondern bündeln, lenken und beschleunigen können, kennt jeder Windsurfer von seinen Revieren – und Windsurfer sind beim Lesen von Gelände anspruchsvoll, weil bei ihnen der Wind das Revier ist: Talausgänge, Kaps und Hügelkanten liest man dort wie andere Wetterkarten. Am Gardasee strömt in der kühlen Tageshälfte kalte Luft aus den Zentralalpen durch die Nord-Süd-Täler Richtung Po-Ebene – der Pelèr, der die Surfer morgens aufs Wasser holt; die Täler wirken dabei wie Windschleusen, und die schlauchförmige Enge des nördlichen Sees verstärkt die Strömung. Am Nachmittag dreht das System um: Die Ora weht von Süden den See hinauf, und die offizielle Revierbeschreibung nennt ausdrücklich die Verengung im Norden und den Venturi-Effekt als Grund für ihre Kraft. In Viana do Castelo an Portugals Atlantikküste ist der Antrieb ein anderer – der Nordwind Nortada, thermisch aufgeladen –, aber die Lehre dieselbe: Die Hügel über den Stränden beschleunigen den Wind so, dass am Spot deutlich mehr weht, als die großräumige Vorhersage sagt.
Wellenreiter lesen das Gelände noch einmal anders, nämlich unter Wasser und an Land zugleich. Ob und wie eine Welle bricht, entscheidet der Boden: Am Uluwatu an der Südspitze Balis brechen fünf verschiedene Wellen an derselben Kalksteinküste, weil das Riff vor den Klippen flach ausläuft und tiefe Kanäle zu beiden Seiten der Halbinsel den Swell aus Südwest darauf lenken – an der einen Stelle schnell und hohl, an der anderen lang und gleichmäßig, je nachdem, wie das Riff liegt. Und Wellenreiter kennen die Kaltluft aus den Tälern von der anderen Seite: Sie wünschen sich ablandigen Wind – offshore –, denn Wind vom Land her kämmt die Wellen, hält ihre Front glatt und lässt sie steil aufstehen, statt sie vorzeitig umzuwerfen. Am Uluwatu ist das in der Trockenzeit der Passat aus Südost; an vielen anderen Küsten kommt der Offshore der frühen Morgenstunden genau so zustande wie in Winterbach nachts: Die Luft über dem Land kühlt ab, wird schwer und fließt durch die Täler zur Küste hinunter. Die beste Session des Tages ist oft ein Kaltluftabfluss.
Winterbach ist weder Gardasee noch Atlantik, und die Kaltluft einer Sommernacht ist kein Surfwind. Das physikalische Prinzip ist aber dasselbe, das der Klimaatlas für das Lehenbachtal und die Leitbahn bei Weiler beschreibt: Kalte Luft entsteht an den Hängen, das Gelände sammelt sie, das Tal führt sie, und am Talausgang kommt an, was die Talform daraus macht. Genau diese Wirkungskette macht die beiden Leitbahnen für uns spannend – und prüfbar.
Eine Sommernacht in Winterbach
Mit dem Regler geht es durch eine heiße Sommernacht: erst, wo es im Ort warm bleibt, dann, wo die kühle Luft entsteht, wie sie fließt und welche Wege sie nimmt.

Nach einem heißen Tag: Wo der Klimaatlas in der Nacht Wärmebelastung sieht – je dunkler, desto größer der Handlungsbedarf, vor allem in den dicht bebauten Teilen im Tal.
Kaltluft und Bebauung
Kaltluft fließt dorthin, wo sie durchkommt: durch Täler, über Wiesen, durch breite Straßen und Gärten. Quer stehende Gebäude, dichte Bebauung oder Dämme können sie bremsen. Deshalb spielt sie in der Planung eine Rolle. Zwei Beispiele aus Winterbacher Bebauungsplänen:
Ballspielhalle im Sportzentrum, 1995. Für die Halle wurden 1991/92 drei mögliche Standorte untersucht; Ende 1994 entschied sich der Gemeinderat für den Anbau westlich der Salier-Halle, „vor allem“ aus städtebaulichen und funktionellen Gründen. In die Überlegungen wurden auch Klimabetrachtungen einbezogen. Und die Nähe zur Rems zeigte sich im Boden: Im Mai 1994 wurde der Baugrund untersucht – der Boden der Flussaue war so wenig tragfähig, dass die Halle auf Pfählen gegründet werden musste.
Baugebiet Riedwiesen, 2021. Der Bebauungsplan wurde im beschleunigten Verfahren nach § 13b Baugesetzbuch aufgestellt, das ohne Umweltbericht auskommt. Zum Klima nennt die Begründung eine „ausreichende Belichtung und Durchlüftung“.
Mit dem Klimaatlas gibt es heute eine landesweite Grundlage, die jede Planung nutzen kann. → Uferwege an der Rems · → Hochwasserschutz an der Rems
Wer die Kaltluftbahnen freihält, hält auch die Schwammflächen frei. Kalte Luft kann nur über offenes Land fließen: über Wiesen, Streuobst, Äcker und die Talaue. Genau diese Flächen nehmen auch Regen auf und geben ihn langsam wieder ab. Ein Gebäude oder eine versiegelte Fläche in einer Leitbahn bremst beides – die kühle Luft und das Wasser. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass das Kaltluftsystem um Winterbach nicht gestört wird: für kühle Nächte im Ort und für Böden, die Wasser halten. → Was hat das alles mit Surfen zu tun?
Was wir prüfen wollen
Der Klimaatlas ist ein Modell, keine Messung. Ob und wie stark die Kaltluft aus dem Lehenbachtal, der Leitbahn bei Weiler und dem Bronnbachtal tatsächlich bis zur Rems kommt, wollen wir in drei Schritten herausfinden. Erstens das Gelände: Mit dem Geländemodell des Landes legen wir Längs- und Querprofile durch beide Täler – Gefälle, Engstellen, Talausgänge und ihr Winkel zur Rems, dazu die Flächen oberhalb, auf denen die Kaltluft entsteht. Das Ergebnis steht unten unter „Was das Gelände zeigt“. Zweitens messen: In einer Jahreszeit mit vielen klaren Nächten wollen wir an mehreren Punkten gleichzeitig Windrichtung, Windstärke und Temperatur aufzeichnen – im Tal, am Talausgang, am Remsufer und zum Vergleich an einer Stelle außerhalb der Leitbahnen. Die Windmesser dafür haben wir vom Surfen ohnehin. Drittens auswerten: Interessant sind die klaren, windschwachen Nächte. Zeigt sich darin ein wiederkehrendes Muster – erst Abkühlung im Tal, dann eine gerichtete Strömung entlang der Talachse, dann ein Signal am Talausgang und an der Rems –, dann ist die Leitbahn nicht nur berechnet, sondern gemessen. Erst mehrere solcher Nächte erlauben eine belastbare Aussage; bis dahin bleibt es eine Hypothese, die wir hier offen benennen.
Was das Gelände zeigt – Stufe 1
Den ersten Schritt haben wir gemacht: Wir haben beide Täler im Geländemodell des Landes vermessen – Talboden, Gefälle, Breite und die Richtung, in der sie sich zum Remstal öffnen.
Das Lehenbachtal ist eine lange, geschlossene Rinne. Vom Schurwald in knapp 400 Metern Höhe fällt der Talboden auf gut drei Kilometern um 135 Meter bis zum Stausee am Südrand des Orts – im Mittel gut vier Prozent, oben steiler, unten flacher. Der Talboden ist dabei schmal, 50 bis 120 Meter, und öffnet sich erst an der Mündung auf knapp 200 Meter; die Flanken links und rechts sind fast überall mehr als 50 Meter hoch. Das ist die Form, die Kaltluft sammelt und führt: eine Wanne, aus der die kalte Luft nur talabwärts entweichen kann. Das Tal öffnet sich genau nach Norden, also quer zum Remstal. Von der Mündung bis zur Rems sind es noch rund 900 Meter durch den Ort, mit 20 Metern Gefälle – der Klimaatlas führt die Leitbahn bis kurz vor die alte Ortsmitte.
Das Tal der Leitbahn bei Weiler ist kürzer und fast doppelt so steil: zwei Kilometer, 155 Meter Höhenunterschied, im oberen Teil eng und mit fast acht Prozent Gefälle. Etwa auf halber Höhe weitet es sich zu einer Mulde, und im unteren Teil, wo Weiler liegt, läuft es in einen offenen, 500 bis 700 Meter breiten Trog aus. Kalte Luft kommt hier schneller herunter, verteilt sich unten aber auf der Breite, statt gebündelt zu bleiben. Das Tal öffnet sich nach Nordnordwesten; laut Klimaatlas dreht die Strömung im Remstal nach Westen, Richtung Winterbach.
Woher die Kaltluft kommt. Kalte Luft fließt wie Wasser bergab, nur träger. Deshalb lässt sich aus dem Geländemodell auch ablesen, welche Flächen ein Tal überhaupt „bedienen“: sein Einzugsgebiet. Für das Lehenbachtal sind das mindestens 520 Hektar Schurwald – der Rand des Modells schneidet das Gebiet nach Süden ab, tatsächlich ist es größer –, davon fast zwei Drittel über 350 Metern Höhe. Die Leitbahn bei Weiler sammelt rund 160 Hektar. Und zwischen beiden liegt das Bronnbachtal unterhalb des Sterrenbergs, für das der Klimaatlas keine Leitbahn ausweist, das aber mit rund 270 Hektar das zweitgrößte Einzugsgebiet hat. Seine Kaltluft kommt am Westrand von Weiler ins Remstal, keine 700 Meter neben der Leitbahn, und läuft dort mit deren Strom nach Westen zusammen – für Winterbach zählt es also mit. Ob auf diesen Flächen Wiese, Acker oder Wald liegt, sagt das Gelände nicht; das zeigt der Klimaatlas oben unter „Kaltluft entsteht“: Offene Wiesen und Felder kühlen nachts am stärksten aus, Wald bleibt milder, liefert aber gleichmäßig.

Und das Remstal selbst? Drei Schnitte quer durch das Tal – östlich des Orts über das Ostlandkreuz, durch den Ort von den Tennisplätzen zum Hungerberg und westlich von Engelberg nach Rohrbronn – zeigen, wohin die Kaltluft am Ende kommt: in eine breite, flache Wanne. Der Talboden bis zehn Meter über der Rems ist 900 bis 1100 Meter breit, und das Tal ist ungleich gebaut: Von Süden kommt der Schurwald über drei Kilometer sanft herunter, nach Norden steigt der Hungerberg steil an. Im mittleren Schnitt liegt die Siedlung fast ganz in dieser Wanne, vom Fuß des Schurwalds bis über die Rems hinaus. Das ist der Grund, warum die Nachtluft aus den Tälern für den Ort zählt – und warum sie im Tal nicht weit fließt, sondern sich staut.
Was das Gelände nicht sagt: wie viel Kaltluft tatsächlich ankommt, wie schnell sie fließt und was die Bebauung am Talausgang mit ihr macht. Dafür sind die Stufen zwei und drei da.
Was das für die Remswelle heißt
Eine Welle in der Rems ändert an der Kaltluft nichts: Sie liegt im Flussbett, wo die kühle Luft am Ende ihres Weges ohnehin ankommt. Ein Ort am Wasser, an dem man an heißen Sommerabenden sitzen und zuschauen kann, passt aber gut zu einem Tal, in dem die Luft nachts von beiden Hängen herunterströmt. → Standort Winterbach · → Warum Wege am Wasser guttun
Häufige Fragen
Was ist eine Kaltluftleitbahn?
Ein Tal oder eine offene Schneise, durch die nachts kühle Luft aus der Umgebung in einen Ort fließt. In Winterbach sind das nach dem Klimaatlas das Lehenbachtal und ein Tal bei Weiler; das Bronnbachtal unterhalb des Sterrenbergs führt der Klimaatlas nicht als Leitbahn, obwohl sein Einzugsgebiet größer ist.
Woher stammen die Karten?
Aus dem Klimaatlas Baden-Württemberg der Landesanstalt für Umwelt (LUBW), veröffentlicht im Januar 2025. Er zeigt ein Modell einer typischen Sommernacht, keine Messung.
Kann man aus den Karten ablesen, wie kühl es in meiner Straße ist?
Nein. Das Modell rechnet mit einem groben Raster und taugt für Ortsteile und Täler, nicht für einzelne Straßen oder Häuser.
Quellen: SURF Magazin, „Wind-Special: Ora und Vento am Gardasee“ (Kaltluft aus den Zentralalpen, Täler als Windschleusen, Venturi-Effekt) · Garda Trentino, „Winde am Gardasee“, offizielle Revierbeschreibung von Pelèr und Ora · Windsurf Magazine, „Viana do Castelo – Feel Viana“ (thermisch verstärkter Nortada, Beschleunigung durch die Küstenhügel) · SurferToday, „Uluwatu: the five world-class reef break waves of Bali“ (Kalksteinklippen, flaches Korallenriff, Tiefwasserkanäle, Swell aus S–SW, ablandige Winde aus S bis N über Ost) · LUBW, Managementplan FFH-Gebiet 7123-441 (Landschaftsschutzgebiet „Stärrenberg-Bronnbachtal“, Gemarkungen Weiler und Winterbach) · Wikipedia, „Brunnbach“ (Brunnbach/Bronnbach als Oberlauf des Weilerbachsystems) · OpenStreetMap-Mitwirkende (Gewässernamen Brunnbach, Weilerbach) · LUBW, Klimaatlas Baden-Württemberg (veröffentlicht 22.01.2025, www.klimaatlas-bw.de), Kartendienste Klimaanalysekarte und Planungshinweiskarte, Bestandssituation, abgerufen 27.09.2026 – Grundlage: Daten aus dem Umweltinformationssystem (UIS) der LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg · Relief und Luftbild: LGL Baden-Württemberg, Digitales Geländemodell (Schummerung) und digitales Orthophoto, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0 · Gemeinde Winterbach, Bebauungspläne: Änderung Bebauungsplan Sportzentrum, Ballspielhalle, Begründung (Januar 1995); Bebauungsplan Riedwiesen, Begründung (Stand 05.11.2021) · Klimabetrachtungen und Pfahlgründung der Ballspielhalle: Angaben der Initiative
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle