Remswelle

Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte

Ein Tal, zwei Richtungen

Floss die Rems einmal zur Donau?

„Warum fließt die Rems eigentlich nicht andersherum?“ – diese Frage hat Anna gestellt, und sie hat uns nicht mehr losgelassen. Bei Winterbach zeigt das heutige Tal keine Spur einer Gegenrichtung – die Rems hat es selbst gegraben, nach Westen fließend. Lange davor sah es hier allerdings ganz anders aus (dazu unten mehr). Die spannendste Spur liegt rund 50 Kilometer flussaufwärts, bei Essingen am Albtrauf. Dort zeigt das Gelände etwas Erstaunliches: ein Tal, das in zwei Richtungen abfließt.

Oben
Oben: die Rems von der Quelle bei Essingen bis zur Mündung in den Neckar, Winterbach orange; der Rahmen zeigt den Ausschnitt unten. Unten: Essingen und Aalen im Geländemodell, Farben nach Höhe von 430 Meter (dunkelblau) bis 540 Meter (dunkelrot); die Rems und der Kocher blau eingezeichnet, der Scheitel des Tals als Dreieck.

Der Knick bei Essingen

Die Rems entspringt südwestlich von Essingen. Von dort fließt sie zunächst rund drei Kilometer nach Nordosten – also genau in Richtung Aalen. Dann knickt sie scharf ab und fließt nach Westen, an Mögglingen und Schwäbisch Gmünd vorbei bis zu uns nach Winterbach. Ein Fluss, der erst in die eine Richtung läuft und dann fast kehrtmacht: Geologen nennen so etwas einen Ellbogen.

Relief der Ostalb und ihres Vorlands aus dem Copernicus-Geländemodell
Relief der Ostalb und ihres Vorlands aus dem Copernicus-Geländemodell: die Rems vom Remsursprung über Essingen und Mögglingen nach Schwäbisch Gmünd, der Kocher über Oberkochen nach Aalen, die Brenz ab Königsbronn nach Süden. Markiert: der Ellbogen der Rems bei Essingen, der Talscheitel Richtung Aalen (rund 464 Meter) und die Talwasserscheide zwischen Kocher und Brenz (rund 505 Meter).

Ein Tal, zwei Richtungen

Wo die Rems ihren Knick macht, liegt sie in einem breiten Tal, das in West-Ost-Richtung verläuft – rund sieben Kilometer lang, von Mögglingen bis Aalen. Im Geländemodell des Landes mit einem Meter Auflösung sieht man: Der Talboden steigt von der Rems-Seite gleichmäßig an bis zu einem flachen Scheitel bei rund 464 Metern und fällt danach ebenso gleichmäßig zum Kocher in Aalen ab, der auf rund 431 Metern fließt. Die Rems liegt dort, wo sie von Essingen her in dieses Tal kommt und nach Westen abbiegt, bei rund 452 Metern – der Scheitel Richtung Aalen ist also nur rund zwölf Meter höher und gut einen Kilometer entfernt. Westlich davon fließt das Wasser zur Rems, östlich davon zum Kocher.

Längsschnitt durch das Tal zwischen Essingen und Aalen
Längsschnitt durch das Tal zwischen Essingen und Aalen: Talboden von West nach Ost aus dem Geländemodell (1 Meter), mit der Rems am Taleingang bei rund 452 Metern, dem flachen Scheitel bei rund 464 Metern und dem Kocher in Aalen bei rund 431 Metern.

So lesen Sie die Grafik: Wir sind im Geländemodell alle 25 Meter quer über das Tal gegangen und haben den tiefsten Punkt gesucht – das ist der Talboden. Links liegt die Rems-Seite, rechts Aalen. Die Linie steigt von links an, erreicht in der Mitte einen breiten, flachen Rücken und fällt nach rechts wieder ab. Wo die Rems von Süden aus Essingen in das Tal kommt, liegt sie nur rund zwölf Meter unter diesem Rücken. Straßen und die Bahnlinie führen durch das Tal; ihre Dämme können den flachen Scheitel etwas erhöhen.

So etwas nennt man eine Talwasserscheide: ein durchgehendes, breites Tal, das heute an einer kaum sichtbaren Schwelle in zwei Richtungen entwässert. Ein Tal dieser Breite haben die kleinen Bäche, die heute darin fließen, nicht gegraben. Es sieht aus wie das Bett eines Flusses, der hier einmal durchgehend geflossen ist.

Wie solche Täler entstehen

Talwasserscheiden entstehen typischerweise durch Flussanzapfung. Ein Fluss mit steilem Gefälle frisst sich mit seinem Oberlauf immer weiter rückwärts in die Landschaft – Geologen sprechen von rückschreitender Erosion. Trifft er dabei auf das Tal eines anderen, langsameren Flusses, zapft er ihn an: Das Wasser oberhalb nimmt plötzlich den steileren, kürzeren Weg. Zurück bleiben drei Spuren, die man im Gelände erkennen kann:

  • ein Ellbogen dort, wo der umgelenkte Fluss heute abbiegt,
  • ein breites Tal ohne passenden Fluss auf der anderen Seite – das alte Bett, in dem jetzt nur noch kleine Bäche fließen,
  • ein flacher Scheitel im Talboden, an dem sich das Wasser heute teilt.

Genau diese drei Spuren sehen wir bei Essingen. Ganz in der Nähe gibt es ein berühmtes, gut erforschtes Beispiel derselben Art: das breite Tal zwischen Oberkochen und Königsbronn, in dem heute der Kocher nach Norden und die Brenz nach Süden fließt – getrennt durch eine „flache, kaum erkennbare Talwasserscheide“.

Was die Geologie zur Urbrenz weiß

Die heutige Brenz entspringt im Brenztopf in Königsbronn. Sie ist, wie die Geologen Winfried Reiff und Theo Simon schreiben, „der bescheidene Rest eines großen Flusses, der Urbrenz, deren Quellbäche in der geologischen Vergangenheit 80 bis 90 km weiter im Norden entsprangen“. Ihr Einzugsgebiet umfasste große Teile der heutigen oberen Einzugsgebiete von Rems, Kocher und Jagst; das Wasser lief zur Albpforte bei Aalen und von dort durch die Alb zur Donau. Belege sind Quarzsande und Gerölle auf den Höhen am Brenztal und die Goldshöfer Sande bei Hüttlingen, die ein „nach Süden zur Brenz entwässerndes Flußsystem“ abgelagert hat.

Dann gewannen die Flüsse der Neckarseite: Sie haben einen viel kürzeren Weg zum Meer und damit mehr Gefälle – deshalb graben sie sich schneller ein. Im Pleistozän, vor mehreren hunderttausend Jahren, wurde die Urbrenz nach Reiff und Simon „von den östlichen Nebenflüssen des Neckars, vor allem von Kocher und Jagst, untergeordnet von Rems und Murr, durch rückschreitende Erosion angezapft“ und bei Aalen zum Rhein hin umgelenkt. Die Stadt Oberkochen fasst es so zusammen: Die Richtungsumkehr kam „durch das stärkere Gefälle von Rhein und Neckar mit ihren Zuflüssen (Jagst, Kocher, Rems)“.

Schema auf dem Geländemodell, links „früher“, rechts „heute“
Schema auf dem Geländemodell, links „früher“, rechts „heute“. Links (Hypothese): die obere Rems fließt über das Tal bei Essingen nach Aalen und weiter durch das heutige Kochertal nach Süden zur Brenz und zur Donau; von Westen gräbt sich die Neckarseite heran. Rechts: heute fließt die Rems nach Westen, der Kocher nach Norden, die Brenz nach Süden. Eine Hypothese, nicht bewiesen.

Und bei Winterbach?

Im heutigen Tal bei Winterbach finden wir keine solche Spur. Wir haben im Geländemodell nachgesehen, wie die Bäche in die Rems münden: Alle größeren Zuflüsse – Lehenbach, Krebsbach, Brunnbach, Schweinbach, Wieslauf – kommen „mit dem Strom“, also schräg in Fließrichtung. Hätte die Rems hier einmal andersherum geflossen, würden manche von ihnen gegen den Strom münden. Das breite Tal bei Winterbach erklärt sich anders: Die Rems fließt hier im weichen Gipskeuper, den sie leicht ausräumen konnte. → Als hier Meer war

Ganz anders war es lange bevor es dieses Tal gab. Auf einer Karte der Geologen zum Flusssystem im älteren Miozän, vor rund 20 Millionen Jahren, fließt sogar der Ur-Neckar bei Stuttgart nach Süden und dann als „Urlone“ nach Osten zur Donau; der Rand der Schwäbischen Alb liegt dort noch ungefähr auf der Höhe des heutigen Remstals (Reiff und Simon 1990, nach Simon 1988). Das Wasser aus unserer Gegend lief damals also nach Osten – nur eben nicht in einem Remstal: Das gab es noch nicht, die Landoberfläche lag viel höher als der heutige Talboden. Erst als sich die Neckarseite immer weiter nach Osten fraß, entstand das heutige Remstal, und die Rems grub es nach Westen fließend aus.

Was das für die Remswelle heißt

Zwölf Meter Gelände entscheiden bei Essingen darüber, ob ein Regentropfen in die Nordsee oder ins Schwarze Meer fließt. Das zeigt im Großen, was für die Welle im Kleinen gilt: Die Landschaft bestimmt, welches Wasser in der Rems ankommt – wie viel und wie gleichmäßig. Das Einzugsgebiet der Rems ist heute festgelegt; was wir beeinflussen können, ist, wie lange die Landschaft darin das Wasser hält. → Mehr Flow für die Rems · → Die Landschaft lesen

Häufige Fragen

Floss die Rems früher zur Donau?

Ihr oberster Teil bei Essingen wahrscheinlich ja: Er lag im Einzugsgebiet der Urbrenz, die über Aalen zur Donau floss, bevor die Neckarseite das System angezapft hat. Das Gelände bei Essingen passt dazu. Bewiesen ist es für die Rems im Einzelnen nicht.

Floss die Rems bei Winterbach andersherum?

Im heutigen Tal nicht: Das hat die nach Westen fließende Rems selbst gegraben, und die Zuflüsse zeigen keine Spur einer Gegenrichtung. Lange davor, im Miozän, floss das Wasser dieser Gegend nach den Karten der Geologen aber nach Osten zur Donau – damals gab es das Remstal noch nicht.

Was ist eine Talwasserscheide?

Eine Wasserscheide, die nicht auf einem Bergrücken liegt, sondern mitten in einem Tal. Das Wasser fließt von einer kaum sichtbaren Schwelle im Talboden in zwei Richtungen ab. Talwasserscheiden sind typische Spuren von Flussanzapfungen.

Wann wurde die Urbrenz umgelenkt?

Im Pleistozän, nach Reiff und Simon in der Mindel-Eiszeit oder kurz danach; andere Darstellungen nennen ein höheres Alter. Wir schreiben deshalb „vor mehreren hunderttausend Jahren“.

Könnte man die Rems wieder nach Aalen fließen lassen?

Technisch wäre die Schwelle niedrig. Aber Wasser von einem Fluss in einen anderen umzuleiten, ist rechtlich und ökologisch kein Weg – und für die Welle würde es nichts bringen, denn oberhalb von Essingen ist das Einzugsgebiet klein.

Quellen: Winfried Reiff und Theo Simon, „Die Flußgeschichte der Urbrenz und ihrer Hauptquellflüsse“, Jahresberichte und Mitteilungen des Oberrheinischen Geologischen Vereins 72 (1990), S. 209–225 · Theo Simon, „Karten zur Landschaftsgeschichte in Baden-Württemberg“, in: LGRB-Informationen 25 (2011) · Wikipedia, „Urbrenz“ (mit weiterer Literatur) · Stadt Oberkochen, „Europäische Wasserscheide“ · LGRB, „Goldshöfe-Sande – Ostalb“ · Eigene Auswertung: Digitales Geländemodell DGM1, LGL-BW (2026), dl-de/by-2-0; Copernicus DEM GLO-30 (© DLR e.V. 2010–2014 und © Airbus Defence and Space GmbH 2014–2018, bereitgestellt unter COPERNICUS durch die Europäische Union und ESA); Gewässer © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL) · Grafiken: Initiative Remswelle

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle