Remswelle

Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte

Das Netz der Schwellseen

Die Rems führt von sich aus zu wenig Wasser, um tagelang Holz zu tragen – das wussten schon die herzoglichen Beamten. Ihre Lösung war so einfach wie radikal: Man baute an den Zuflüssen künstliche Seen, füllte sie über Winter und Schneeschmelze – und ließ das Wasser zur Trift gezielt ab. Schwellseen oder Floßseen hießen diese Speicher; die Fachliteratur spricht von Schwallflößerei. Jeder Tropfen daraus floss durch Winterbach. Dies ist Kapitel 2 unserer Spurensuche → Die vergessene Welle von Winterbach.

Karte des Trift-Wassersystems
Karte des Trift-Wassersystems: Ebnisee (Wieslauf), Walkersbacher See, Steinbächle, Edenbach, Schweizerbach und Bärenbach mit ihren Mündungen in die Rems – alle oberhalb von Winterbach – sowie der Weg des Wassers durch Winterbach bis zu den Holzgärten Waiblingen und Neckarrems.

Der Ebnisee: 115 Meter Damm für Brennholz

Der bekannteste Schwellsee besteht bis heute: der Ebnisee im Welzheimer Wald, heute ein beliebtes Ausflugsziel. Angelegt wurde er für die Trift. Einen kleineren Vorgängersee zeigt schon die Forstkarte von 1686; der große Damm entstand 1745: rund 115 Meter lang, 8,6 Meter hoch, mit drei „Klotzrinnen", durch die das Schwellwasser über eine Aufziehvorrichtung im Seehäuschen abgelassen wurde. Die Oberamtsbeschreibung von 1845 beschreibt, wie der See „Behufs des Holzflößens angeschwellt" wurde – meist von Herbst bis Frühjahr – und nennt eine Fläche von etwa 42 Morgen.

Der Betrieb war saisonal: Nach der Trift wurde die Seefläche als Wiese verpachtet. Und er war teuer – schon 1761 stand die erste „Haupt-Reparation" des Damms an, 1820 fürchtete man einen Dammbruch. Als die Flößerei 1862 endete, wurde der See abgelassen und erst rund zwanzig Jahre später wieder aufgestaut. Dass heute Familien um einen Trift-Speicher spazieren, ahnen die wenigsten.

Der Walkersbacher See: Pfusch am Bau, anno 1743

Der zweite große Speicher lag im Walkersbachtal zwischen Lorch und Plüderhausen: Damm 1742 gebaut, 87 Meter lang, 8,6 Meter hoch. Die Geschichte dieses Damms liest sich wie ein Lehrstück: Schon im Oktober 1743 stürzte ein rund 45 Meter langes Stück in den See, im Frühjahr 1744 brach weiteres nach – der Seegräber hatte mangelhaft gearbeitet. Ein Ingenieur-Leutnant beaufsichtigte die Ausbesserung und fertigte dabei eine genaue Zeichnung des alten und neuen Damms an, die bis heute in den Akten liegt. Die Reparatur von 1752 kostete am Ende ein Vielfaches des ursprünglichen Baupreises. Reste des „Seedamms" sind im Gelände noch gut sichtbar.

Auch hier gab es Streit mit den Müllern: Der Inhaber der Walkersmühle klagte 1779, das Wasser werde ihm „zwei, öfter drei, vier, fünf Wochen zugestellt" – er könne dann nicht mahlen. Die Antwort der Beamten war kühl: Das Floßrecht sei vor der Mühle dagewesen.

Die kleinen Geschwister

Neben den beiden großen Seen nennen die Akten kleinere Speicher: im Steinbächle- oder Strümpfelbachtal (Schließe ab 1736), am Edenbach bei der Laufenmühle (kleiner Floßsee 1742), am Schweizerbach und – als letzter und teuerster – den Bärenbachsee von 1761/62. Alle diese Bäche münden oberhalb von Winterbach in die Rems: Schweizerbach bei Lorch, Walkersbach zwischen Lorch und Plüderhausen, Bärenbach bei Plüderhausen, die Wieslauf mit dem Ebnisee bei Schorndorf. Was immer abgelassen wurde – es kam durch Winterbach. Die Schwellklause des Steinbächles ist erhalten, der Bärenbachsee heute wieder aufgestaut.

Damals Schwall – heute Schwamm

Man kann das Netz der Schwellseen bewundern: Es war Wasserwirtschaft mit den Mitteln des 18. Jahrhunderts, geplant, gebaut und 120 Jahre betrieben. Aber es war das Gegenteil von dem, was einem Fluss guttut. Wasser wurde gesammelt, um in wenigen Tagen durchgejagt zu werden; die Mühlen standen still, die Fischbrut litt, und nach der Trift war das Wasser fort. Genau andersherum denken wir heute: Eine Landschaft mit tiefgründigen Böden, Wiesen, Hecken und funktionierenden Auen hält Wasser zurück und gibt es langsam ab – das stützt die Rems in trockenen Wochen, jeden Tag ein bisschen, statt drei Tage mit Gewalt. Deshalb planen wir keinen Schwallbetrieb für die Remswelle, aus keinem Speicher. Die Schwellseen bleiben, was sie sind: ein beeindruckendes Stück Geschichte. → Mehr Flow für die Rems · → Schwammlandschaft Winterbach

Häufige Fragen

Kann man die Schwellseen heute besuchen?

Den Ebnisee ja – er ist eines der beliebtesten Ausflugsziele im Welzheimer Wald, mit Rundweg. Vom Walkersbacher See stehen Dammreste im Tal südlich von Walkersbach, die Schwellklause des Steinbächles ist erhalten, und der Bärenbachsee ist wieder aufgestaut. Wer dort spazieren geht, läuft durch die Infrastruktur der alten Trift.

Wie viel Wasser fasste der Ebnisee?

Die Akten nennen für den Damm von 1745 ein Fassungsvermögen von rund 1,5 Millionen Eimern – nach württembergischem Maß gut 400.000 Kubikmeter, was zur überlieferten Seefläche von etwa 42 Morgen gut passt. Nach den Betriebsberichten reichte das Wasser für etwa fünf bis sechs Tage Flößerei; am Walkersbacher See waren es zwei bis drei Tage.

Erzeugten die Schwellsee-Ablässe eine Flutwelle?

Bei Triftanlagen anderer Regionen – etwa im Karwendel – unterscheiden die Quellen ausdrücklich „Vorwasser" und die „Flutwelle des Hauptwassers". Für die Rems ist eine solche steile Front nicht belegt: Die Speicher konnten ihr Wasser auch dosiert über Tage abgeben, und auf dem langen Weg flachen Wellen ab. Was in Winterbach ankam, wissen wir nicht – noch nicht.

Warum baut man heute keine Schwellseen für mehr Surftage?

Weil stoßweise abgelassenes Wasser einem Fluss schadet und niemandem lange nützt – das zeigte schon die Trift. Wasserrecht, Ökologie, Hochwasserschutz und Sicherheit stehen dem heute zu Recht entgegen. Der nachhaltige Weg führt über die Landschaft: Boden und Flächen, die Wasser halten und langsam abgeben. → Mehr Flow für die Rems

Quellen: Uwe Jens Wandel, „Zur Flößerei auf Rems und Wieslauf", in: Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 9 (1987), S. 177–195 (Damm-Maße, Reparaturen, Mühlenstreit, kleine Schwellseen) · Beschreibung des Oberamts Welzheim, Stuttgart 1845, Kapitel A 2 (Wikisource): Ebnisee und Walkersbacher See · Carla Fandrey, „Auf Holzwegen im Schwäbischen Wald. Der Ebnisee und die Schwallflößerei", in: Schlösser Baden-Württemberg 4 (2002) · Verein Ebnisee: Geschichte des Sees · Dokumentation der Trift im Karwendel (karwendel.org): „Flutwelle des Hauptwassers" · → Als die Rems Brennholz transportierte

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle