Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte
Die Rems wird wärmer
Vom Klimawandel spricht man meist bei Hitzetagen, Dürre oder Starkregen. Weniger bekannt ist, dass sich auch unsere Flüsse erwärmen. An der Rems lässt sich das genau nachverfolgen: Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) misst die Wassertemperatur in Waiblingen-Neustadt seit 1981 Tag für Tag – flussabwärts von Winterbach, im selben Flussabschnitt. Wir haben die Messreihe ausgewertet.
Was die Messwerte zeigen
- Das Jahresmittel ist um rund 2 °C gestiegen: von rund 10,7 °C in den 1980er-Jahren auf rund 12,6 °C im Mittel der Jahre 2016 bis 2025. Über die ganze Reihe sind das rund 0,5 °C je Jahrzehnt.
- Im Sommer noch stärker: Das Mittel von Juni bis August stieg von rund 17,1 °C in den 1980er-Jahren auf rund 19,6 °C in den letzten zehn Jahren – rund 2,5 °C mehr.
- Warme Tage vervierfacht: Tage mit mindestens 20 °C Wassertemperatur gab es in den 1980er-Jahren gut zehnmal im Jahr, in den letzten zehn Jahren im Schnitt über 40-mal. Spitzenreiter war der Hitzesommer 2003 mit 82 Tagen.
- Ein neuer Rekord 2026: Am 27. Juni 2026 lag das Tagesmittel bei 25,4 °C – der höchste Wert seit Beginn der Messreihe. Erstmals lagen Tagesmittel über 25 °C, und der Sommer 2026 war mit rund 21 °C im Mittel von Juni bis August der wärmste nach 2003.
Die Rems liegt damit im Rahmen dessen, was die Länder im Kooperationsvorhaben KLIWA landesweit festgestellt haben: An 45 von 78 Messstellen in Baden-Württemberg und Bayern ist die Wassertemperatur signifikant gestiegen, um etwa 0,2 bis 0,7 °C je Jahrzehnt.
Warum sich ein Fluss erwärmt
Flusswasser nimmt die Temperatur seiner Umgebung an: Wärmere Luft, mehr Sonnenstunden und längere Hitzeperioden erwärmen es direkt. Hinzu kommt, dass die Rems im Sommer oft wenig Wasser führt – eine kleine Wassermenge erwärmt sich schneller. Wo Ufergehölze fehlen, scheint die Sonne ungehindert aufs Wasser. Auch Einleitungen, etwa gereinigtes Abwasser aus Kläranlagen, und Aufstau können eine Rolle spielen; die KLIWA-Auswertung weist ausdrücklich darauf hin, dass die gemessenen Trends auch solche Nutzungen widerspiegeln.
Was das für Fische und Kleintiere bedeutet – unsere Einschätzung
Weniger Sauerstoff, mehr Bedarf. Warmes Wasser kann weniger Sauerstoff lösen: Bei 15 °C sind es bei voller Sättigung rund 10,1 Milligramm je Liter, bei 25 °C nur noch rund 8,3. Gleichzeitig brauchen Fische, Kleintiere und Bakterien bei Wärme mehr Sauerstoff – als Faustregel verdoppelt sich die biologische Aktivität mit jeden 10 °C. Beides zusammen macht heiße, wasserarme Sommertage zur kritischen Zeit für das Leben im Fluss.
Ein Richtwert wird öfter überschritten. Für den guten ökologischen Zustand nennt die Oberflächengewässerverordnung je nach Fischgemeinschaft eine Höchsttemperatur im Sommer. Für die Fischgemeinschaft der Rems bei Winterbach und Waiblingen (Cyprinidenregion des Rhithrals) sind das 23 °C. Tagesmittel über 23 °C wurden an der Rems in den 1980er- und 1990er-Jahren kaum gemessen, 2003 an 12 Tagen, 2015 an 11, 2018 an 10, 2019 an 9 – und 2026 bereits an 17 Tagen. Weil es sich um Tagesmittel handelt, lagen die Höchstwerte am Nachmittag noch darüber.
Gewinner und Verlierer. Die Rems bei Winterbach gehört zur Barbenregion. Die typische Fischgemeinschaft, die die Fischereiforschungsstelle des Landes für diesen Abschnitt beschreibt, besteht vor allem aus Barbe, Nase, Döbel, Hasel und Gründling – Arten, die sommerwarmes Wasser vertragen. Zur Referenz gehören aber auch Kaltwasserarten wie Bachforelle, Groppe und Äsche, jeweils mit wenigen Prozent. Sie brauchen kühles, sauerstoffreiches Wasser; die Groppe gilt als ausgesprochene Kaltwasserart. Unsere Einschätzung: Hält der Trend an, werden es diese Arten an der unteren und mittleren Rems schwerer haben, während wärmeliebende Arten profitieren. Die Fischregionen verschieben sich gewissermaßen flussaufwärts. Ähnliches gilt für Kleintiere am Gewässergrund: Steinfliegen- und manche Eintagsfliegenlarven brauchen kühles, sauerstoffreiches Wasser. → Tiere und Pflanzen an der Rems
Ein Blick nach vorn. Setzt sich die Erwärmung von rund 0,5 °C je Jahrzehnt fort, läge das Jahresmittel der Rems Mitte der 2050er-Jahre bei rund 14 °C und das Sommermittel bei rund 21 bis 22 °C – Sommer wie 2003 oder 2026 wären dann keine Ausnahme mehr. Das ist eine einfache Fortschreibung, keine Klimaprojektion.
Was hilft: Schatten
Das Wirksamste gegen die Erwärmung kleiner und mittlerer Flüsse ist Schatten. Nach dem KLIWA-Kurzbericht „2-Grad-Ziel für unsere Bäche“ kann gut beschattendes Ufergehölz die Tagestemperatur schmaler Bäche im Hochsommer um rund 5,5 bis 7 °C senken, bei zehn Meter breiten Gewässern mit hohen Bäumen immerhin um rund 4 bis 5,5 °C. KLIWA empfiehlt deshalb, mehr standortgerechte Ufervegetation zu pflanzen – sie könnte den erwarteten Temperaturanstieg der nächsten 30 Jahre in vielen Gewässern ausgleichen. An der renaturierten Rems in Winterbach wachsen solche Gehölze gerade heran. → Renaturierung der Rems in Winterbach
Ein Zielkonflikt: Bäume und Dämme. Schatten braucht Bäume – doch auf und dicht an Hochwasserdämmen sind Gehölze nach der technischen Regel DIN 19712 nicht erwünscht. Umstürzende Bäume können Wurzelkrater von mehreren Metern reißen, Wurzeln können Sickerwege bilden, und abgestorbene Wurzeln hinterlassen Hohlräume. Das Regierungspräsidium Karlsruhe nennt als Mindestabstand vom Dammfuß 10 Meter, für Pappeln 30 Meter. Schatten und Hochwasserschutz müssen also gemeinsam geplant werden: Bäume gehören dorthin, wo das Ufer nicht zugleich Damm ist – etwa in renaturierten Abschnitten mit breiter Aue.
Was das für die Remswelle heißt
Eine Welle bringt kein Wasser in die Rems und nimmt keines heraus; an der Temperatur des Flusses ändert sie nach unserer Einschätzung nichts Nennenswertes. Für uns heißt die Erwärmung trotzdem etwas: Bäume und Ufergehölze am Standort sollen erhalten bleiben, und die Fischdurchgängigkeit ist für uns ohnehin Bedingung. Und im Hochsommer, wenn die Rems warm und wasserarm ist, läuft die Welle meist ohnehin nicht, weil zu wenig Wasser da ist. → Fragen und Einwände
Häufige Fragen
Wie stark hat sich die Rems erwärmt?
An der Messstation Waiblingen-Neustadt stieg das Jahresmittel von rund 10,7 °C (1980er-Jahre) auf rund 12,6 °C (2016–2025), im Sommer von rund 17,1 °C auf rund 19,6 °C. Das sind rund 0,5 °C je Jahrzehnt.
Wie warm war die Rems 2026?
Am 27. Juni 2026 erreichte das Tagesmittel 25,4 °C, der höchste Wert seit 1981. Der Sommer 2026 war im Mittel rund 21 °C warm.
Warum ist warmes Wasser ein Problem für Fische?
Warmes Wasser enthält weniger Sauerstoff, während Fische bei Wärme mehr davon brauchen. Kaltwasserarten wie Bachforelle, Groppe und Äsche geraten zuerst unter Druck.
Was kann man gegen die Erwärmung tun?
Vor allem Schatten schaffen: Gehölze am Ufer können die Wassertemperatur im Sommer um mehrere Grad senken. Außerdem helfen mehr Wasser im Fluss (weniger Entnahmen) und naturnahe Ufer.
Quellen: LUBW Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, Online-Messstation Neustadt (CRS136), Rems, Wassertemperatur Tagesmittel 1981–2026, Daten- und Kartendienst der LUBW, abgerufen 28.09.2026 – eigene Auswertung (Jahresmittel nur für Jahre mit mindestens 330 Messtagen) · KLIWA, „Wassertemperatur – Langzeitverhalten“ (www.kliwa.de) · KLIWA-Kurzbericht „2-Grad-Ziel für unsere Bäche – Wassertemperatur und Beschattung“ · Oberflächengewässerverordnung (OGewV), Anlage 7, Nr. 2.1.1 · LAZBW Fischereiforschungsstelle, Referenz-Fischzönosen Baden-Württemberg, Referenz 42-03-H1-2 (Stand Juli 2023) · R. Reinartz, „Auswirkungen der Gewässererwärmung auf die Physiologie und Ökologie der Süßwasserfische Bayerns“, Literaturstudie im Auftrag des Bayerischen Landesamts für Umwelt, 2007 · Regierungspräsidium Karlsruhe, Häufige Fragen zu Gehölzen an Hochwasserdämmen (DIN 19712), Stand August 2019 · Sauerstofflöslichkeit: physikalische Standardwerte für Süßwasser bei Normaldruck
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle