Remswelle

Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte

Warum sieht Winterbach so aus?

Winterbach liegt dort, wo es liegt, weil Gestein, Wasser und Wege es so wollten. Das Tal haben Meer und Fluss gemacht, den Ort ein Übergang über die Rems, die Weinberge die Sonne am Hungerberg, die Grenzen des Wachsens das Hochwasser. Auf vielen Seiten dieses Bereichs haben wir die einzelnen Stücke mit Karten, Luftbildern und dem Geländemodell des Landes untersucht. Hier setzen wir sie zu einer Geschichte zusammen – vom Jurameer bis zum Neubaugebiet, in sieben Schritten. Jeder Schritt verweist auf die Seite, auf der die Belege stehen.

1. Das Gestein: ein Tal aus weichem Mergel

Alles beginnt mit den Schichten. Das Remstal bei Winterbach liegt im Keuper, einer Folge von Tonmergeln und Sandsteinen, die vor rund 230 Millionen Jahren in Flussdeltas und flachen Lagunen abgelagert wurden. Die Talsohle ist Gipskeuper: weich, bunt, leicht auszuräumen – deshalb ist das Tal hier so breit und flach. Darüber folgen Schilfsandstein und Bunte Mergel, oben auf Hungerberg und Schurwald der harte Stubensandstein, der die Höhen hält. Dass das Land danach noch unter einem Meer lag, dessen Schlamm bei Holzmaden zu Ölschiefer wurde, und dass es seither um Hunderte Meter gehoben und wieder abgetragen wurde, erklärt, warum die Rems heute bei 238 Metern fließt, der Hungerberg auf über 400 und der Schurwald auf über 460 Meter steigt. Und es erklärt, warum die Hänge rutschen: Gipskeuper quillt, Mergel gleitet. → Als hier Meer war

Höhenprofil quer durch das Remstal bei Winterbach von Süden (Schurwald) nach Norden (Hungerberg), aus dem Geländemodell; die …
Höhenprofil quer durch das Remstal bei Winterbach von Süden (Schurwald) nach Norden (Hungerberg), aus dem Geländemodell; die Gesteinsschichten schematisch nach der Landeskunde.

2. Das Wasser: ein Fluss, viele Bäche, Quellen am Hang

In das weiche Tal hat sich die Rems ihren Weg gesucht – in Windungen, mit Schleifen und Altarmen, wie die Flurkarte von 1832 noch zeigt. Von beiden Seiten kommen die Bäche: vom Schurwald der Lehenbach, der „nie versiegt“, Krebsbach, Bücklensweilerbach und Alsebach, vom Hungerberg der Weilerbach und die Höffenklinge. Wo Sandstein auf Mergel liegt, tritt Wasser aus: Winterbach hatte nach der Oberamtsbeschreibung „das beste Quellwasser im Remsthal“. Die Aue dazwischen war nass – Flurnamen wie Pfingstwasen, Steinwasen und Riedwiesen erinnern daran. Das Wasser bestimmt bis heute, wo gebaut wird und wo nicht. → Zuflüsse der Rems · → Quellen und Hangwasser · → Der historische Remslauf

3. Der Übergang: warum der Ort genau hier liegt

Ein Fluss in einem sumpfigen Tal ist ein Hindernis – und wo man ihn queren kann, entsteht ein Ort. Die alte Salzstraße von Schwäbisch Hall nach Esslingen mied die nassen Talböden: Sie kam über die Höhen von Norden, stieg zur Rems ab, querte sie bei Winterbach und stieg über den Pflasterweg zum Engelberg wieder auf. Wer den Übergang hielt, hielt die Straße. Das erklärt, warum hier ein Königshof, eine Wehrkirche und gleich zwei Burgen zusammenkommen. Die Michaelskirche, 1309 als Wehrkirche errichtet, steht auf einer kleinen Kuppe bei 246 Metern, ein paar Meter über dem Tal – trocken und mit Blick auf den Übergang. Der Ortskern wuchs um sie herum, dort, wo der Lehenbach aus dem Schurwald ins Tal tritt – zwischen Fluss und Schurwaldfuß, heute fließt der Bach verdolt unter der Ortsmitte. Welche Hohlwege und Burgstellen vom alten Weg geblieben sind, haben wir im Geländemodell gesucht. → Spuren im Hungerberg

4. Die Sonne: Weinberge am Südhang

Der Hungerberg nördlich der Rems schaut nach Süden. 1832 standen auf rund 90 Hektar der Gemarkung Reben, fast alle an diesem Hang, in schmalen Stücken bis an den Wald. Terrassen, Steinriegel und Trockenmauern zeichnen die alte Einteilung bis heute ins Gelände; das Reliefbild macht sie sichtbar, auch dort, wo inzwischen Wald steht. Im 19. Jahrhundert traten Obstbäume an die Stelle vieler Reben, um 1910 traf die Reblaus auch Winterbach, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Stücke zu Gärten; heute sind es noch rund fünf Hektar Reben. Übrig blieb ein Mosaik aus Streuobst, Magerwiesen, Waldsäumen und Klingen, das zu den artenreichsten Lebensräumen der Gegend zählt – und das nur bleibt, wenn es gepflegt wird. → Spuren im Hungerberg: Wo 1832 Reben standen · → Wald oder Wiese? · → Weinbau von morgen

5. Die Arbeit: Mühle, Flöße, Kanal

Der Fluss war Antrieb. Am Remsknie zweigte ein Mühlkanal ab, der zur Winterbacher Mühle führte; die Flurnamen Wehräcker, Mühlbachäcker und Mühlfeld liegen noch heute an seinem Lauf. Auf der Rems selbst wurde Brennholz nach Ludwigsburg getriftet, lose in Scheiten, durch eine Floßgasse am Winterbacher Mühlwehr – bis die Remsbahn kam. → Die Rems im Wandel · → Wehre und Durchgängigkeit

6. Die Schiene und die Straße: der Ort dreht sich

Im Juli 1861 wurde die Remsbahn eröffnet; 1862 wurde zum letzten Mal geflößt. Mit dem Bahnhof bekam Winterbach einen zweiten Mittelpunkt, und im 20. Jahrhundert kam die Bundesstraße dazu. Beides liegt im Tal, und beides zog die Siedlung vom alten Kern aus in die Ebene. Dafür musste der Fluss weichen: In den 1930er- und 1950er-Jahren wurde die Rems begradigt und eingedeicht, die Schleife oberhalb des Orts verschwand, aus dem Mäanderfluss wurde ein Trapezkanal. Erst 2018 bekam sie unterhalb des Orts auf gut einem Kilometer wieder Platz. → Der historische Remslauf · → Renaturierung in Winterbach

7. Das Wachsen und seine Grenzen

Seit 1953 hat sich die bebaute Fläche Winterbachs vervielfacht – Baugebiet um Baugebiet, meist am Hangfuß und in der Ebene, wie die Luftbildreihe zeigt. Die Grenzen des Wachsens setzt das Wasser: Nach dem Hochwasser von Weihnachten 1919 „stand der Ort vollständig unter Wasser“, 1990 überflutete die Rems das Remstal von Lorch bis Remshalden. Darauf antwortete der Wasserverband Rems mit Rückhaltebecken; das Winterbacher unter der Brücke Ostlandstraße ist seit 2005 in Betrieb und war im Juni 2024 zweimal randvoll. Was nicht bebaut werden soll, legt heute der Regionalplan fest: Grünzüge und Grünzäsuren in der Aue und an den Hängen. Und das Klima fügt eine neue Grenze hinzu: Die kühle Nachtluft aus Lehenbachtal und vom Hungerberg braucht freie Bahnen in den Ort. → Winterbach wächst · → Hochwasserschutz · → Kühle Luft für Winterbach

Alles auf einer Karte

Flurnamen, Bäche, Quellen, Schutzgebiete, Naturdenkmale, die Weinberge von 1832, Spuren der Geschichte und ein Höhenprofil zum Selberziehen: Unsere Karten legen die Ebenen dieser Geschichte übereinander. → Karten zu Winterbach

Was das für die Remswelle heißt

Die Remswelle soll an einem Ort entstehen, der seit tausend Jahren ein Übergang ist: Hier querte die Salzstraße den Fluss, hier lagen Königshof und Burgen, hier sichert heute das Rückhaltebecken den Ort. Wer die Welle versteht, versteht den Ort – und umgekehrt. → Standort Winterbach

Häufige Fragen

Warum ist das Remstal bei Winterbach so breit?

Weil die Rems hier im Gipskeuper fließt, einem weichen Tonmergel, den sie leicht ausräumen konnte. Flussauf- und flussabwärts, wo härtere Schichten anstehen, ist das Tal enger.

Warum liegt die Kirche auf einem Hügel?

Die Michaelskirche steht auf einer kleinen Kuppe bei rund 246 Metern, einige Meter über der Rems. Dort war der Boden trocken und der Blick frei auf den Flussübergang; 1309 wurde sie als Wehrkirche errichtet.

Warum gibt es am Hungerberg so viele Terrassen und Mauern?

Der Südhang war bis ins 19. Jahrhundert Weinberg; 1832 standen auf rund 90 Hektar der Gemarkung Reben. Terrassen, Steinriegel und Trockenmauern stammen aus dieser Zeit und sind heute gesetzlich geschützt.

Warum fließt die Rems so gerade durch Winterbach?

Weil sie in den 1930er- und 1950er-Jahren begradigt und eingedeicht wurde, um Land zu gewinnen und Hochwasser schneller abzuführen. Unterhalb des Orts wurde sie 2018 auf gut einem Kilometer renaturiert.

Quellen

Die Belege zu jedem Schritt stehen auf den verlinkten Seiten: Oberamtsbeschreibung Schorndorf 1851, Landeskunde Baden-Württemberg, Flurkarte 1832 und Luftbilder des Landesamts für Geoinformation und Landentwicklung (LGL-BW, Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0), Geländemodell DGM1, Heimatverein Winterbach (Infoblatt „Kulturgeschichtliche Wege“), Wasserverband Rems, Regionalplan Verband Region Stuttgart, LUBW (Daten aus dem Umweltinformationssystem).

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle