Remswelle

Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte

Die Rems im Wandel

Die Rems im Remstal ist seit Jahrhunderten ein Arbeitsfluss. Sie trieb Mühlen an, trug bis 1862 Brennholz nach Ludwigsburg, wurde nach verheerenden Hochwassern begradigt und eingedeicht und ist heute, zwischen Winterbach und Remshalden, wieder renaturiert. Wer verstehen will, warum die Rems bei Winterbach so aussieht, wie sie aussieht – mit befestigten Ufern, Dämmen, Wehren und neuen Flussauen –, findet die Antwort in dieser Geschichte.

Flößerei: Brennholz für Ludwigsburg

Illustration, keine historische Abbildung
Illustration, keine historische Abbildung: So könnte die Trift an einer Floßgasse im Remstal um 1750 ausgesehen haben. Das Scheiterholz treibt lose durch die Floßgasse am Mühlwehr, Triftknechte halten es mit Stangen in Bewegung, die Mühle steht still. Illustration Initiative Remswelle, KI-gestützt.

Dass auf der kleinen Rems geflößt wurde, wissen heute nur noch wenige. Geflößt wurde dabei nicht mit gebundenen Flößen wie auf dem Neckar, sondern als sogenannte Trift: Das Brennholz wurde in Scheiten lose ins Wasser geworfen und trieb mit der Strömung flussabwärts. Schon die Mühlenordnung von 1627 verlangte, den Fluss floßbar zu machen; lange verhinderten das die Mühlwehre. Mit dem Bau der Residenz Ludwigsburg ab 1715 brauchte der Hof Holz, und ab 1723 wurde vor allem Scheiterholz aus dem Schorndorfer Forst die Rems hinab geflößt. Damit genug Wasser dafür da war, legte man an den Zuflüssen Schwellweiher an – der wichtigste ist der Ebnisee im Welzheimer Wald, um 1744/45 angelegt. An den Wehren entstanden Floßgassen, unter anderem bei Winterbach, Schorndorf, Plüderhausen, Waldhausen und Großheppach; die Chronisten erwähnen auch „Untiefen bei Winterbach“. Die Müller in Schorndorf verlangten Entschädigung, weil ihre Mühlen während der Flößerei sechs Tage und länger stillstanden. Mit der Remsbahn, die im Juli 1861 eröffnet wurde, war das Holz auf der Schiene schneller; 1862 wurde zum letzten Mal geflößt. Aufgefangen wurde das Holz an Rechen und in Holzgärten, unter anderem in Waiblingen und Neckarrems.

Schema der Trift auf der Rems
Schema der Trift auf der Rems: Aus dem Schwellweiher (Ebnisee) wird Wasser abgelassen, der Schwall trägt das eingeworfene Scheiterholz über Wieslauf und Rems, durch Floßgassen an den Mühlwehren, bis ein Rechen es auffängt und es im Holzgarten aufgesetzt wird.

Die ganze Geschichte – Holztrift, Schwellseen, die Winterbacher Floßgasse und die Frage nach dem ersten Remssurfer – erzählen wir jetzt in einer eigenen Serie: → Die vergessene Welle von Winterbach

Mühlen und Wasserkraft

Seit dem Mittelalter trieb die Rems vor allem Mühlen an. Die Beschreibung des Oberamts Schorndorf von 1851 nennt für Winterbach „eine sehr bedeutende Mahl- und Gyps-Mühle an einem Remskanal“ und eine weitere Mahlmühle; fünf steinerne Brücken führten damals über die Rems, den Mühlkanal und den Lehenbach (damals „Lehnenbach“ geschrieben). In Schorndorf trieb ein Kanal der Rems mehrere Mühlwerke, in Weiler standen am Weilerbach eine Mahlmühle, ein Hammerwerk und eine Sägmühle.

Aus vielen dieser Mühlen wurden Wasserkraftwerke. Heute arbeiten an der Rems rund zehn kleine Anlagen mit jeweils 30 bis 150 Kilowatt, unter anderem in Plüderhausen, Urbach, Remshalden-Grunbach, am Birkelwehr in Weinstadt und an mehreren Mühlen in Waiblingen. Ihre Wehre sind bis heute die größten Hindernisse für Fische. → Wehre und Durchgängigkeit

Hochwasser: eine lange Geschichte

Die Rems ist ein Fluss mit Launen. Beim Hochwasser im März 1684 gingen in Winterbach nach der Oberamtsbeschreibung „gegen 40 Häuser fast ganz zu Grund“. Schorndorf verzeichnete Wasserschäden 1773 und 1809. An der Hahn'schen Mühle in Waiblingen erinnern Hochwassermarken an 1663, 1824, 1827, 1862, 1889, 1893, 1919, 1920 und 1956. Am Heiligabend 1919 stand die Rems in Waiblingen 3,60 Meter über normal, so hoch wie seit 1882 nicht mehr; 85 Gebäude wurden überflutet. Seit 1931 misst der Pegel Schorndorf den Abfluss – das größte Hochwasser seither war das vom 3. März 1956. → Die Rems in Zahlen

Begradigt und eingedeicht

Auf die Hochwasser antwortete man lange mit Technik: Die Rems wurde begradigt, ihre Ufer befestigt, Dämme gebaut. In Waiblingen begann die Flusskorrektur ab 1865 und wurde nach dem Hochwasser von 1919 verstärkt. Auch zwischen Winterbach und Remshalden floss die Rems bis 2018 in einem geraden Trapezprofil zwischen Deichen. Rückblickend hält der Wasserverband Rems fest, dass diese Strategie – die Rems durch Begradigung und Schutzdämme schneller abzuführen – die Lage flussabwärts sogar verschärft hat. Nach dem Hochwasser von 1990 setzte man deshalb auf Rückhalt statt Beschleunigung: auf Becken, die das Wasser bei Hochwasser zurückhalten. → Hochwasserschutz an der Rems

Die Rems in Winterbach: korrigiert und zurückgegeben

Auch in Winterbach war die Rems nie ein ruhiger Fluss. „Die Rems tritt auch hier häufig aus, daher die Ufer öftere Unterhaltungskosten erfordern“, heißt es 1851 in der Oberamtsbeschreibung. Die württembergische Flurkarte von 1832 für Weiler und Winterbach zeigt, wie stark der Fluss das Leben im Tal bestimmte. Sie nennt Gewanne wie Altlachen und Riedwiesen, die auf nasse Wiesen und Wasserstellen hinweisen, und Mühlbachäcker, Wehräcker und Wehrwäsle, die an den Mühlkanal und das Mühlwehr erinnern.

Im 20. Jahrhundert wurde die Rems zwischen Winterbach und Remshalden technisch ausgebaut. Das Regierungspräsidium Stuttgart spricht von Gewässerkorrektionen in den 30er- und 50er-Jahren; danach floss der Fluss in einem geraden Trapezprofil mit befestigten Ufern. 2005 ging oberhalb des Orts das Hochwasserrückhaltebecken Schorndorf/Winterbach in Betrieb, 2018 wurde der Abschnitt unterhalb von Winterbach auf 1,1 Kilometern renaturiert. → Renaturierung Winterbach · → Quellen und Hangwasser

→ Zeitreise: der historische Remslauf in Winterbach

Baden in der Rems

Früher wurde in der Rems gebadet. In Schorndorf badeten in den 1920er-Jahren Männer und Frauen gemeinsam am ungesicherten Remsufer – sehr zum Unmut vieler Bürger. Im Mai 1929 beschloss der Gemeinderat eine Badeanstalt an der Altlache, direkt an der Rems; gegen die gemeinsame Badeanstalt unterschrieben 1.754 Einwohner eine Petition. Der Oberbürgermeister begründete den Bau mit der Gefahr für Kinder am ungesicherten Ufer. Heute ist die Rems kein Badegewässer mehr, das Gesundheitsamt rät vom Baden ab. → Wasserqualität der Rems

Die Rems kehrt zurück: Gartenschau und Renaturierung

Mit der Remstal Gartenschau 2019 rückte der Fluss wieder in die Mitte der Orte. An vielen Stellen wurde die Rems renaturiert, Ufer abgeflacht und Zugänge ans Wasser gebaut. In Winterbach entstand unterhalb des Gleisdorfer Platzes ein Stufenzugang zur Rems, zwischen Winterbach und Remshalden wurde die Rems 2018 auf 1,1 Kilometern von ihrem Trapezprofil befreit, die Seitenbäche wurden über raue Rampen wieder an den Fluss angeschlossen. In Weinstadt-Großheppach entstand ein Remsstrand mit Flachwasserzone. → Renaturierung Winterbach

Was das für die Remswelle heißt

Die Rems war nie ein unberührter Fluss. Sie wurde immer genutzt – für Mühlen, Holz, Energie, Hochwasserschutz – und in den letzten Jahren wieder ein Stück zurückgegeben. Eine Welle wäre eine neue Nutzung an einem Ort, der längst technisch geprägt ist: am Durchlassbauwerk eines Rückhaltebeckens. Gerade deshalb muss sie sich an dem messen lassen, was heute zählt: Hochwasserschutz, Durchgängigkeit für Fische und ein Fluss, an dem Menschen gern sind. → Standort Winterbach

Häufige Fragen

Wurde auf der Rems geflößt?

Ja, allerdings als Trift mit losem Holz, nicht mit gebundenen Flößen. Ab 1723 wurde vor allem Scheiterholz aus dem Schorndorfer Forst für Ludwigsburg geflößt, mit Floßgassen unter anderem bei Winterbach und Schorndorf. Mit der Remsbahn endete die Flößerei; 1862 wurde zum letzten Mal geflößt. → Die vergessene Welle von Winterbach

Wofür wurde der Ebnisee angelegt?

Als Schwellweiher für die Flößerei auf Wieslauf und Rems, um 1744/45. Sein Wasser wurde abgelassen, damit genug Wasser da war, um das lose Holz flussabwärts zu tragen.

Warum ist die Rems so gerade?

Weil sie ab dem 19. Jahrhundert zum Hochwasserschutz begradigt und eingedeicht wurde, in Waiblingen etwa ab 1865. Seit der Remstal Gartenschau 2019 wird sie an einzelnen Abschnitten wieder renaturiert.

Wann war das schlimmste Hochwasser in Winterbach?

Überliefert ist das Hochwasser vom März 1684, bei dem gegen 40 Häuser zerstört wurden. Seit Beginn der Messungen 1931 war das größte Hochwasser das vom März 1956.

Quellen: Beschreibung des Oberamts Schorndorf, hg. vom Königlich statistisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1851 (Wikisource), Kapitel B 1 (Schorndorf), B 26 (Weiler), B 27 (Winterbach) · Uwe Wandel, „Zur Flößerei auf Rems und Wieslauf“, Waiblingen in Vergangenheit und Gegenwart Bd. 9 (1987), Heimatverein Waiblingen · Wikipedia, „Rems“ (Nutzungsgeschichte, Wasserkraftanlagen; abgerufen 26.09.2026) · Haus der Stadtgeschichte Waiblingen, Online-Ausstellung „Als Weihnachten ins Wasser fiel. Remshochwasser 1919“ · Zeitungsverlag Waiblingen: 06.07.2024 (Rems-Korrektion Waiblingen), 31.08.2018 (Freibad Schorndorf 1929), 21.08.2018 (Zugang zur Rems Winterbach), 19.03.2018 (Remsstrand Großheppach) · Wasserverband Rems, „Geschichte des Verbands“ · Regierungspräsidium Stuttgart, „Die Rems fließt wieder“, 19.12.2018 · Wikipedia, „Remstal Gartenschau 2019“ · Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg EL 68 VI Nr 2356, Flurkarte NO XXVIII 29, Stand 1832 (Weiler, Winterbach), über LEO-BW · Wikipedia, „Hochwasserrückhaltebecken Schorndorf-Winterbach“ · Tafel „Remsmühle“ an der ehemaligen Remsmühle, Winterbach (fotografiert 28.09.2026)

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle