Rems und Winterbach · Fluss, Wasser, Natur und Geschichte
Die Renaturierung der Rems in Winterbach
Zwischen der Kläranlage Winterbach und der Hebsacker Brücke floss die Rems seit den Gewässerkorrektionen der 30er- und 50er-Jahre in einem geraden, gleichmäßig tiefen Bett mit befestigten Ufern – Fachleute sprechen vom Trapezprofil. 2018 hat das Land Baden-Württemberg diesen Abschnitt auf rund 1,1 Kilometern umgebaut: Die Rems darf sich jetzt auf bis zu 100 Metern Breite ihren Weg suchen, mit Inseln, Kiesbänken, Steil- und Flachufern und Seitenarmen. Mit rund 3,5 Millionen Euro war es damals die größte aktive Gewässerrenaturierung im Regierungsbezirk Stuttgart. Der Abschnitt liegt rund zweieinhalb bis drei Kilometer flussabwärts vom Standort der Remswelle.
Vorher und nachher: 2017 und heute
Wie stark sich der Abschnitt verändert hat, zeigt der Vergleich zweier Luftbilder des Landes: 2017, ein Jahr vor dem Umbau, und heute. Die geschweifte Klammer markiert den renaturierten Abschnitt zwischen der Hebsacker Brücke und der Kläranlage.


Im Mittelstück lohnt ein genauerer Blick. Wo 2017 ein gerader Kanal zwischen zwei Böschungen lief, teilt sich die Rems heute in einen Haupt- und einen Nebenarm, dazwischen liegt eine bewachsene Insel, an den Innenseiten der Bögen bilden sich Kiesbänke.


Was das Geländemodell zeigt. Im Geländemodell des Landes (Stand 2023) sieht man, was im Luftbild unter Wasser und Bewuchs verborgen bleibt: Im Mittelstück ist das Flussbett mehr als doppelt so breit wie ober- und unterhalb, mit Inseln, Nebenarmen und flachen Ufern knapp über dem Wasserspiegel. Ober- und unterhalb bleibt die Rems ein schmales, gleichmäßiges Gerinne.

Schon 1968 lief die Rems hier in einem gleichmäßig breiten, gefassten Bett mit sanften Bögen, am Nordufer eine Baumreihe. Ringsum lagen schmale Acker- und Wiesenstreifen bis direkt an den Fluss; die Kläranlage gab es noch nicht.

Wie die Rems hier früher floss
Die württembergische Flurkarte von 1832 zeigt die Rems in diesem Abschnitt als einen einzigen, gewundenen Lauf – mit deutlich mehr Bögen als heute, aber ohne eingezeichnete Nebenarme. Die Oberamtsbeschreibung von 1851 beschreibt das Flussbett als „meist flach und sandig, etwa 4–7’ tief“, also etwa ein bis zwei Meter, und hält fest: „Überschwemmungen kommen im Frühling und Sommer nicht selten.“ Ein flacher, sandiger Fluss, der oft über die Ufer tritt, verlagert sein Bett immer wieder – genau das, was die Renaturierung heute auf begrenztem Raum wieder zulässt. Das Regierungspräsidium nennt als Ziel ausdrücklich „Seiten- und Altarmstrukturen“, die ausführende Baufirma beschreibt „mehrere Seitenarme und Inseln“.


Die orange Linie haben wir von Hand auf der Flurkarte nachgezeichnet; sie ist auf etwa 20 bis 40 Meter genau. Ob es vor 1832 Altarme oder tote Flussschlingen in der Aue gab, zeigt die Karte nicht. → Der historische Remslauf
Was die Flurnamen erzählen
Lange bevor es Luftbilder gab, haben die Menschen ihre Wiesen und Äcker nach dem benannt, was sie dort vorfanden. Die Namen stehen bis heute im Liegenschaftskataster – und entlang der Rems erzählen sie fast alle vom Wasser.

Au – im renaturierten Abschnitt liegen die Untere und die Obere Au. Eine Aue ist flaches, feuchtes Gelände am Wasser, das bei Hochwasser überflutet wird. Genau dafür ist der Abschnitt heute wieder da. Wiesen – Remswiesen, Breitwiesen, Sandwiesen: Das Land am Fluss war zu nass für den Acker und wurde als Wiese genutzt. Die Sandwiesen passen zur Beschreibung von 1851, nach der das Flussbett „flach und sandig“ war. Wasen – Rosswasen, Rappenwasen, Weiherwasen, weiter oben Pfingstwasen und Steinwasen. Ein Wasen ist eine feuchte Grasfläche, oft Gemeindeweide; der Rosswasen war dem Namen nach eine Pferdeweide, der Pfingstwasen nach dem Grimmschen Wörterbuch eine Wiese, die bis Pfingsten geschont und dann zur Weide freigegeben wurde. Ried – die Riedwiesen im Osten erinnern an Schilf und Sumpf. Wehr und Mühle – Wehräcker, Wehrwäsle, Mühlbachäcker und Mühlfeld am Remsknie liegen genau dort, wo die Flurkarte von 1832 den Mühlkanal zeigt. → Der historische Remslauf
Bei manchen Namen ist die Herkunft nicht eindeutig. Die Siechenwiesen gehörten vermutlich zu einem Siechenhaus, einem Heim für Kranke außerhalb des Orts; belegt haben wir das für Winterbach nicht.
Was gebaut wurde
Der Spatenstich war am 15. Februar 2018, gebaut wurde von Februar bis Oktober 2018. Bauherr war das Regierungspräsidium Stuttgart mit dem Landesbetrieb Gewässer; geplant wurde in Abstimmung mit dem Wasserverband Rems. In sechs Abschnitten wurden die Uferbefestigungen entfernt und das Bett aufgeweitet. Lenkbuhnen und Störsteine sorgen für unterschiedliche Strömungen, Inseln und Kiesbänke für Laichplätze und Rastflächen. Verbaut wurde eiszeitlicher Kies aus dem Gelände selbst. Eine Niedrigwasserrinne von höchstens vier Metern Breite und mindestens 40 Zentimetern Tiefe hält den Abschnitt auch bei wenig Wasser für Fische passierbar; Kolke bieten größeren Fischen tiefe Stellen, ruhige Buchten den Jungfischen Schutz. Rund die Hälfte der vorhandenen Gehölze blieb stehen, der Radweg wurde verlegt. Zur Remstal Gartenschau 2019 war der Abschnitt eines der Naturziele im Remstal.
Wer hier lebt
Auf den Infotafeln an der Rems stellt der Landesbetrieb Gewässer drei Charakterarten vor: die Barbe, einen Fisch schnell fließender Flüsse, der an flachen Kiesstellen laicht; den Eisvogel, der in Steilwänden ohne Bewuchs brütet; und den Wasserfrosch. Schon kurz nach Bauende berichtete die Presse von Eisvögeln an neuen Brutröhren. Im März 2022 fanden Naturschützer und die Untere Naturschutzbehörde eindeutige Biberspuren im renaturierten Bereich; 2023 lebten hier wohl zwei Biber. Nach dem Hochwasser im Juni 2024 befürchtete der zuständige Biberberater, die Tiere seien weggespült worden – im April 2025 waren wieder Biber da.
Weil der Eisvogel empfindlich auf Störungen reagiert, gibt es Ruhezonen am rechten Ufer, und der Landesbetrieb bittet Besucher um Rücksicht. Hundehalter sollen ihre Hunde anleinen.
Mehr Rems in Plüderhausen und Urbach
Im Herbst 2018 folgte ein zweiter Abschnitt in Plüderhausen: rund 400 Meter, rund 400.000 Euro, mit abgeflachten Ufern, Inseln und Buhnen. Beim Bau des Rückhaltebeckens Plüderhausen/Urbach wurden weitere rund 400 Meter naturnah gestaltet, mit Steilufern für den Eisvogel.
Was das für die Remswelle heißt
Die Renaturierung zeigt, welchen Wert die Rems in Winterbach heute hat – für Tiere, Pflanzen und für die Menschen, die hier spazieren gehen. Eine Remswelle muss sich in diese Entwicklung einfügen und darf Erreichtes nicht gefährden. Der Standort liegt nicht im renaturierten Abschnitt, sondern am Durchlassbauwerk oberhalb, wo die Ufer ohnehin befestigt sind. Trotzdem gilt: Die Durchgängigkeit für Fische ist für uns Bedingung, nicht Verhandlungsmasse, und die Machbarkeitsprüfung muss auch klären, was eine Welle flussabwärts verändern würde. → Tiere und Pflanzen an der Rems · → Ökologie und Genehmigung
Häufige Fragen
Wo wurde die Rems in Winterbach renaturiert?
Zwischen der Kläranlage Winterbach und der Hebsacker Brücke an der Grenze zu Remshalden, auf rund 1,1 Kilometern.
Wann wurde die Rems in Winterbach renaturiert?
Gebaut wurde von Februar bis Oktober 2018; der Abschnitt war 2019 Teil der Remstal Gartenschau.
Hatte die Rems hier früher Nebenarme?
Die Flurkarte von 1832 zeigt einen einzigen, gewundenen Lauf ohne Nebenarme. Nach der Oberamtsbeschreibung von 1851 war das Flussbett flach und sandig und trat oft über die Ufer; solche Flüsse verlagern ihr Bett immer wieder. Die heutigen Seitenarme und Inseln sind 2018 bewusst angelegt worden.
Was bedeuten die Flurnamen an der Rems?
Au, Wiesen, Wasen und Ried stehen für feuchtes, oft überschwemmtes Land am Fluss; Wehräcker, Wehrwäsle und Mühlbachäcker am Remsknie erinnern an den früheren Mühlkanal.
Was hat die Renaturierung gekostet?
Rund 3,5 Millionen Euro; den Großteil trug das Land.
Gibt es Biber an der Rems in Winterbach?
Ja. Biberspuren sind seit März 2022 im renaturierten Abschnitt belegt, nach dem Hochwasser 2024 waren die Tiere zeitweise verschwunden, im April 2025 wieder da.
Quellen: Regierungspräsidium Stuttgart, „Die Rems fließt wieder“, 19.12.2018; „Neue Beschilderung für mehr Rücksicht auf die Natur an der Rems in Winterbach“, 18.12.2020; Pressemitteilung Plüderhausen, 21.12.2018 · Wolff & Müller, „Wolff & Müller renaturiert die Rems“ · Stuttgarter Nachrichten, „Renaturierung bei Winterbach: Die Rems ist kaum wiederzuerkennen“ (2018) · Zeitungsverlag Waiblingen: Biberspuren (März 2022), 08.03.2023, April 2025; ca. August 2018 (Becken Plüderhausen/Urbach) · VVS, „Remsnaturierung Winterbach“ (abgerufen 26.09.2026) · Beschreibung des Oberamts Schorndorf, Stuttgart 1851 (Wikisource), Kapitel A (Gewässer) · LGL Baden-Württemberg: historische Flurkarte Württemberg (Blatt Winterbach, Stand 1832), Luftbilder 1968 und 2017, digitales Orthophoto, Liegenschaftskataster ALKIS (Gewannnamen), Datenlizenz Deutschland – Namensnennung 2.0 · Wikipedia, „Wasen (Toponym)“; Wiktionary, „Aue“; Grimm, Deutsches Wörterbuch, „Pfingstweide“ (abgerufen 27.09.2026)
Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle