Remswelle

Flusswellen · Fallstudien

Fallstudie Thun: zwei Wellen unter historischen Schleusen, ohne einen Franken Baukosten

Thun ist der Sonderfall unter den Fallstudien: Hier hat niemand eine Welle gebaut. Die Mühlewelle und die Scherzligwelle entstehen als Nebeneffekt zweier Regulierwehre des Thunersees aus dem 18. Jahrhundert. Der Fall zeigt, was eine Duldung durch Kanton und Stadt bedeutet, wie ein Verein ohne Bauwerk Verantwortung übernimmt – und wie sehr eine Welle von der Steuerung des Wehrs abhängt. Steckbrief und Lage: Thun im Wellen-Verzeichnis.

Auf einen Blick

GewässerAare, Thun: Mühlewelle unter der Mühleschleuse (Innere Aare, Altstadt) und Scherzligwelle unter der Scherzligschleuse (Äußere Aare, beim Bahnhof)
EntstehungSohlabsturz und Störsteine unterhalb der Regulierwehre; keine bauliche Anlage für das Surfen
Abflussideal etwa 120 bis 150 m³/s (Messstelle Schwäbis, Angabe der Szene); pegel- und torabhängig
Kostenkeine Baukosten; Verein finanziert sich über Beiträge, Sponsoring, Kurse
TrägerVerein Flusssurfen Thun (Statuten 2011), über 400 Mitglieder (2026), Mitglied der Swiss Surfing Association
RechtlichKanton Bern (Amt für Wasser und Abfall) und Stadt Thun sind mit dem Surfen unterhalb der Regulieranlagen einverstanden

Geschichte

Die Mühleschleuse stammt von 1723/24, die Scherzligschleuse von 1726 in ihrer heutigen Form seit 1818; beide regulieren mit je zehn hölzernen Tafelschützen den Abfluss des Thunersees. Gesurft wird darunter seit etwa 2008. Der Verein Flusssurfen Thun gab sich 2011 Statuten; ein Anlass war, die Welle bei Sanierungen der Flusssohle zu erhalten. 2018 fand das erste „River Surf Jam“ statt, 2022 die fünfte Austragung mit der ersten Schweizer Meisterschaft im Flusssurfen. Im Mai 2020 sperrte die Kantonspolizei das Surfen wegen der Pandemieregeln für vier Tage; der Verein legte innerhalb weniger Tage ein Schutzkonzept vor (höchstens zehn Surfer im Wasser, eine Person pro Welle, Zeitlimits), das die Behörden genehmigten. Im Oktober 2022 starb ein 49-jähriger Surfer nach einem Sturz an der Scherzligschleuse. 2026 richtete der Verein mit Partnern die „River Games Thun“ aus: Rapid Surfing an der Mühlewelle, Kajak-Cross und Freestyle an der Scherzligwelle, Eintritt frei.

Technik und Hydraulik

Die Scherzligwelle entsteht durch einen Sohlabsturz – ein „Loch“ im Untergrund unterhalb des Wehrs. Bei der Mühlewelle ist die Ursache nach Angaben des Vereins nicht vollständig geklärt; vermutet werden der Wasserdruck der Schleuse und die Beschaffenheit der Sohle mit Blockteppich, Störsteinen und Bremsbecken. Entscheidend ist die Stellung der Tore: Die Regulieranlagen werden zentral gesteuert, die Torpositionen ändern sich mehrmals täglich, und kleinste Änderungen verändern die Welle stark. Im Normalfall fließt der Hauptanteil des Wassers durch die Scherzligschleuse. Ein Hochwasser-Entlastungsstollen (seit 2009, bis 100 m³/s) beeinflusst die Abgabe zusätzlich. Die Szene nennt als ideale Bandbreite 120 bis 150 m³/s, darunter drohen Steine, darüber braucht es Boards mit mehr Volumen. Surfen ist ganzjährig möglich; die hintere Mühlewelle läuft vor allem im Frühjahr. → Hydraulik

Kosten und Finanzierung

Für die Wellen wurde nichts gebaut, also gibt es keine Baukosten. Der Verein finanziert sich über Mitgliederbeiträge (kostenlose Basis-Mitgliedschaft, „Member+“ 45 Franken im Jahr), Sponsoring, Spenden und Kurse; die Haftung ist auf das Vereinsvermögen beschränkt. Was die Sanierungen der Schleusen den Kanton gekostet haben, ist Sache der Seeregulierung, nicht des Surfens.

Rechtliches

Es gibt keinen Nutzungsvertrag, sondern eine Duldung: Kanton und Stadt sind mit dem Flusssurfen unterhalb der beiden Regulieranlagen einverstanden. Die Regulierung selbst folgt allein dem Hochwasserschutz und dem Seepegel; Surfinteressen spielen darin keine Rolle. Die Zusammenarbeit mit den Behörden beschreibt der Vereinspräsident als sehr gut – das Schutzkonzept von 2020 ist das Beispiel dafür.

Betrieb

Die Wellen sind öffentlich, eine Mitgliedschaft ist nicht nötig, Material wird nicht vermietet. Der Verein stuft die Mühlewelle als Welle nur für erfahrene Flusssurfer ein (Brückenpfeiler, Felsen knapp unter Wasser), die Scherzligwelle als Welle für Einsteiger und Fortgeschrittene, mit Strudeln vor den Toren. Mit der Swiss Surfing Association, der Beratungsstelle für Unfallverhütung und der Rettungsgesellschaft hat er einen Sicherheitsleitfaden erarbeitet; empfohlen wird das Surfen ohne Leash. Basiskurse (80 Franken, vier Stunden, ab 16 Jahren) sind 2026 meist ausgebucht. Die Szene wuchs vom harten Kern von rund 30 Surfern (2020) auf über 400 Vereinsmitglieder (2026) – „mehr als der FC Thun“, wie der Verein schreibt.

Was Winterbach daraus lernen kann

Thun ist die Erinnerung daran, dass eine Welle immer ein Produkt des Wehrs ist. In Thun entscheidet die Torstellung über Sein oder Nichtsein der Welle, und die wird nach Seepegel und Hochwasserschutz gefahren, nicht nach Surfern. Für Winterbach heißt das: Wer das Remswehr betreibt und wie es gesteuert wird, ist eine der ersten Fragen der Machbarkeit. Zweitens zeigt Thun, dass ein Verein auch ohne eigenes Bauwerk Verantwortung übernehmen kann – mit Schutzkonzept, Sicherheitsleitfaden und Kursen – und dass Behörden diese Verantwortung honorieren. Drittens mahnt der Unfall von 2022: Natürliche Wellen mit Steinen, Pfeilern und Strudeln sind gefährlicher als gebaute Anlagen mit freier Auslaufzone; die Sicherheit einer geplanten Welle liegt im Bauwerk, nicht in der Beschilderung.

Häufige Fragen

Wurde die Welle in Thun gebaut?

Nein. Beide Wellen entstehen unterhalb historischer Regulierwehre des Thunersees aus dem 18. Jahrhundert durch Sohlabstürze und Störsteine; für das Surfen wurde nichts verändert.

Braucht man in Thun eine Mitgliedschaft?

Nein, die Wellen sind öffentlich. Der Verein Flusssurfen Thun bietet Kurse, einen Sicherheitsleitfaden und eine kostenlose Basis-Mitgliedschaft an.

Wann ist die Welle surfbar?

Wenn Abfluss und Torstellung passen – die Szene nennt etwa 120 bis 150 m³/s als ideal. Weil die Tore mehrmals täglich verstellt werden, ist die Vorhersage auch für Erfahrene schwierig.

Quellen: Verein Flusssurfen Thun, „Mühleschleuse“, „Scherzligschleuse“, „FAQ“, „Statuten“, „Basiskurse“, „Vorteile der Mitgliedschaft“ (flusssurfen.ch) · Kanton Bern, Bau- und Verkehrsdirektion, „Thunersee“ (Gewässerregulierung) · Der Bund, 11.07.2016 · SRF, 28.08.2018 · Plattform J, 11.05.2020, 07.09.2022 und 24.10.2022 · Berner Zeitung, Mai 2020 (Schutzkonzept) · aare.surf · sportguide.ch, River Games Thun 2026

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2026 · Initiative Remswelle